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Wie die EZB den Rubikon überqueren kann

PARIS – Wenn sich die Geldpolitiker der Eurozone zur nächsten Grundsatzkonferenz der Europäischen Zentralbank am 22. Januar treffen, wird erwartet, dass sie Geschichte schreiben. Beobachter vermuten, dass EZB-Präsident Mario Draghi und seine Kollegen endlich den Rubikon überschreiten und ein großes Programm zur quantitativen Erleichterung (QE) verabschieden – gleichbedeutend mit dem Aufkauf von Staatsanleihen im großen Stil. Obwohl die EZB bisher nicht mit anderen großen Zentralbanken gleichgezogen, sondern sich über fünf Jahre lang gegen QE gewehrt hat, hat Benoît Coeuré, ein Mitglied des Exekutivausschusses, diese Maßnahmen bereits als „Basisoption“ bezeichnet.

Die EZB hat für die Einführung der QE viele Gründe: Zwei Jahre lang hat die Inflation das 2%-Ziel nicht erreicht. Im November betrug das jährliche Preiswachstum lediglich 0,3%, und der jüngste Zusammenbruch der Ölpreise wird in den kommenden Monaten für weiteren Abwärtsdruck sorgen. Wichtiger noch ist, dass die Inflationserwartungen gesunken sind: Prognostiker und Investoren erwarten, dass das Ziel mittelfristig weiter unterschritten wird.

Bereits jetzt ist die geringe Inflation ein ernstes Hindernis für die wirtschaftliche Erholung und das Gleichgewicht der Eurozone. Eine tatsächliche Deflation wäre eine noch größere Bedrohung.

Darüber hinaus halten die Finanzmärkte QE für so wahrscheinlich, dass der größte Teil der Effekte auf die Anleihenpreise und die Wechselkurse bereits eingepreist ist. Sollte die EZB die Erwartungen nicht erfüllen, wären die Anleihen- und Währungsmärkte einem abrupten und schädlichen Positionsabbau ausgesetzt: Die langfristigen Zinsen würden steigen, die Aktienmärkte fallen, und der Euro würde aufgewertet. Angesichts dessen, dass Europa mit Mühe in einem Jahr das Wachstum erreicht hat, für das die Vereinigten Staaten nur ein Vierteljahr benötigten, kann sich der Kontinent dies nicht erlauben.