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Der Drogenkrieg gegen die Frauen

NEW YORK – Als ich im kommunistischen Polen aufwuchs, wurde der Internationale Frauentag als eine Gelegenheit betrachtet, die Beiträge und Leistungen der Frauen zu würdigen. Doch es war eine leere Geste. Am darauffolgenden Tag kehrten die Frauen zurück in ihr Leben der beschränkten Möglichkeiten. Kein Feiertag vermag viel gegen Generationen überdauernde Diskriminierung auszurichten. 

Diese Realität spiegelt sich in den Auswirkungen des internationalen Drogenpolitik-Regimes wider. Innerhalb der Drogenlieferkette befinden sich Frauen meistens auf der untersten Ebene und werden häufig als Kuriere, so genannte „Mulis“ eingesetzt. Wird eine Frau erwischt, steht ihr eine obligatorische Mindeststrafe ins Haus, auch wenn es sich bei ihr in vielen Fällen um eine nicht gewalttätige Ersttäterin  handelt. 

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Für die Drogenhändler sind diese Frauen austauschbar. Selten wird Kaution bezahlt oder ein Rechtsanwalt engagiert, weil diese Frauen für die Vertriebsstrukturen keinen Wert darstellen. Und auf sich allein gestellt fehlt es ihnen an Wissen und Ressourcen, um sich im Strafrechtssystem zurechtzufinden. Ebenso wenig verfügen sie wohl über die richtigen Informationen, um mit den Behörden eine mildere Strafe auszuhandeln.

Wegen Drogendelikten sitzen mehr Frauen im Gefängnis als wegen anderer Verbrechen. Allein in Lateinamerika fallen 70 Prozent aller inhaftierten Frauen in diese Gruppe. Eine zehnjährige Haftstrafe für eine Drogenkurierin hat minimale Auswirkungen auf den Drogenhandel, aber die Folgen für die Frauen und deren Familien sind verheerend und unumkehrbar. 

Zum ersten Mal fielen mir die Folgen der Drogenpolitik für die Frauen im Rahmen einer Reise nach Tadschikistan und Kirgistan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf. In den kirgisischen Bergen gab es Dörfer, wo kein einziger Mann zu sehen war; sie waren als Wanderarbeiter nach Russland gegangen.

Innerhalb von zwei Jahren nach der Unabhängigkeit Kirgistans füllten sich die Gefängnisse mit Frauen, die wegen Delikten im Zusammenhang mit dem Drogenhandel angeklagt worden waren. Dabei handelte es sich um gewöhnliche Frauen, in manchen Fällen um „Babuschkas“ mit Kopftüchern. Im Gespräch mit hochrangigen Beamten der Strafverfolgungsbehörden erzählte man mir, dass die Frauen Drogen aus Afghanistan schmuggelten, um Schuhe und Schulbücher zu kaufen. Für die tadschikische und kirgisische Strafjustiz waren sie die am einfachsten zu erreichenden Ziele im neuen Krieg gegen Drogen.

Unter derartigen Umständen sind Frauen mit einer doppelten Strafe konfrontiert: nämlich mit dem Verlust der Freiheit und der Familie. Die Verurteilung wegen eines Delikts im Zusammenhang mit Drogen bedeutet in vielen Fällen den Verlust des Sorgerechts für die Kinder. Handelt es sich bei der inhaftierten Frau um eine Alleinerzieherin und ihre Kinder befinden sich bei Pflegefamilien oder sie ist zum Zeitpunkt ihres Haftantritts schwanger, wird sie ihre Kinder aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr wiedersehen.

Frauen können zu Opfern der Gesetze zur Bekämpfung des organisierten Drogenhandels werden. Viele werden der Mitttäterschaft angeklagt, weil sie mit einem Mann zusammenleben, der in den Drogenhandel involviert ist. In manchen US-Bundesstaaten müssen sich Personen, die um Sozialhilfe ansuchen – und das sind in der Regel Frauen – einem Drogentest unterziehen. In vielen Ländern wird aufgrund von Drogentherapieprotokollen sichergestellt, dass Frauen mit Kindern keine Leistungen erhalten.

In großen Teilen Zentralasiens muss sich eine drogenabhängige Person bei einer Behörde registrieren lassen, um eine Therapie zu erhalten, wodurch Frauen automatisch Gefahr laufen, ihre Kinder zu verlieren. In Osteuropa finden diese Drogentherapien im Rahmen von Langzeitprogrammen an Zentren fernab städtischer Ballungsräume ohne Kinderbetreuungsdienste statt. Wenige Frauen sind in der Lage, die Betreuung der Kinder oder der Eltern für sechs Monate zu unterbrechen, um sich in eine derartige Einrichtung zu begeben.  

Die Kriminalisierung und Stigmatisierung von Frauen, die illegale Drogen konsumieren, bedeutet, dass sie tendenziell auch weniger Einsicht als Männer erkennen lassen, dass sie Hilfe gegen ihre Drogenabhängigkeit brauchen. Das erklärt auch teilweise die geringe Zahl an Frauen, die diese Dienste in Anspruch nehmen. Ebenso wie Frauen in manchen Kulturen erst essen, wenn Männer und Kinder ihre Mahlzeiten beendet haben, benützen Frauen auch Spritzen, die ihre Partner schon verwendet haben, wodurch sie ein höheres Risiko aufweisen, sich mit HIV oder Hepatitis C zu infizieren. Auch durch den augenfälligen Zusammenhang zwischen Sexarbeit und Drogenkonsum sind Frauen stärker gefährdet.

Außerdem nutzen nationale Strategien der Drogenpolitik weltweit die Schwächen von Frauen aus.  

Ich saß einmal mit einem Beamten auf einem Flughafen in London, der auf eine Kenianerin wartete, die Kokain nach Großbritannien bringen sollte. Die Person, die diese Frau angeheuert hatte, teilte ihr mit, dass sie im Falle ihrer Anhaltung einfach wieder nach Hause zurückgeschickt werden würde, weil sie Frau und Mutter sei.

In Wirklichkeit brachte ihr das halbe Kilogramm Kokain eine zwingende Haftstrafe von zehn Jahren Haft ein. Ohne rechtlichen Beistand oder wirtschaftliche Ressourcen haben diese in ausländischen Gefängnissen inhaftierten Mütter oftmals keinen Kontakt zu ihren Kindern in der Heimat.

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Ein Teil der Bemühungen zur Reform der Drogenpolitik muss die Beseitigung systemischer Mängel in den Bereichen Strafverfolgung, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen sein, die die Not der Frauen verschärfen, wenn sie in das Kreuzfeuer des Kriegs gegen Drogen geraten. Eine Politik, im Rahmen derer Frauen während der Drogentherapie Kinderbetreuung angeboten wird, ist den selbstgerechten Hütern der Moral womöglich wohl ein Dorn im Auge. Doch wenn wir die Drogenpolitik nicht durch eine geschlechtsspezifische Linse betrachten und uns auf Schadensminimierung konzentrieren, werden wir weiterhin einen aussichtslosen Krieg gegen Drogen führen, in dem Generationen unserer am stärksten gefährdeten Frauen und Mädchen zu Opfern werden.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier