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Schluss mit der Aufhaltung unserer medizinischen Zukunft

Wir befinden uns momentan an der Schnittstelle zwischen der alten Medizin und der neuen - nach wie vor in den Grenzen der alten gefangen, aber in der Lage am Horizont etwas zu erkennen, was von der Vorstellung her völlig unterschiedlich ist. Dieser Weg ist so neu, so revolutionär, so transformierend, dass er den Namen verdient, den er bekommen hat. Wir betreten die Welt der regenerativen Medizin. Wir werden uns neu erschaffen - die Teile unseres Körpers, die uns im Stich lassen, erneuern und ersetzen; jene Teile, die erkrankt oder degeneriert sind oder nicht mehr funktionieren.

Da die Aufmerksamkeit nach innen gekehrt wird, um die Art und Weise wie unsere Körper auf den molekularen und zellularen Ebenen funktionieren zu verstehen und zu Nutze zu machen, wird die Medizin des 21. Jahrhunderts ein neues Paradigma haben. Anders als bei der weiteren tief greifenden biomedizinischen Revolution dieser Tage - einer Hightech-Angelegenheit zu der die Entschlüsselung unserer Genome zählt - ist die Stammzellenforschung viel mehr ein ,,Lowtech"-Unterfangen. Nicht der Mangel an wissenschaftlicher Handhabe ist das größte Hindernis; es sind restriktive Gesetze und restriktive politische Steuerung.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Die ersten Früchte dieser Revolutionen werden nicht schon nächste Woche oder nächstes Jahr auf uns warten, deshalb ist es wichtig die Erwartungen der Öffentlichkeit nicht in unrealistischem Maße zu schüren. Wie die Transformation embryonaler Stammzellen in berechenbare und wünschenswerte Richtungen gelenkt werden kann bleibt noch unbekannt. Es ist jedoch vorstellbar wie einige Anwendungen in etwa fünf Jahren Einzug in die Krankenhäuser halten werden. Diese Anwendungen könnten auf bisher unheilbare Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes abzielen oder sogar auf solche Geißeln wie Herzversagen im Endstadium.

Eine Stammzelle kann von einem Embryo, Fötus oder Erwachsenen stammen. Sie besitzt zwei Eigenschaften. Unter den richtigen Bedingungen kann sie sich selbst reproduzieren und sie kann zur Entstehung der spezialisierten Zellen führen, aus denen die Gewebe und Organe des Körpers bestehen. Menschliche embryonale Stammzellen sind ,,pluripotent", was bedeutet, dass sie das Potential besitzen sich in alle grundlegenden Gewebearten zu entwickeln und somit eine förmlich grenzenlose Quelle von Zellen für Transplantationen darstellen.

Eine weitere Art von Stammzelle macht ebenfalls von sich reden - die adulte Stammzelle. Diese befinden sich in wichtigen Organen und können sich sowohl selbst erneuern als auch spezialisierte Zellen vermehren. Bei den Versuchen diese Zellen dazu zu bringen, ihre Bestimmung zu ändern, gab es erstaunliche Fortschritte - etwa die Transformation von Blutzellen in Nervenzellen. Erkenntnisse dieser Art heizen die moralischen Debatten um die Embryonenforschung an.

Die Gegner der embryonalen Stammzellenforschung glauben an die absolute Unantastbarkeit des menschlichen Embryos. Da dies der Standpunkt einer Minderheit ist, formuliert sie ihre Argumente oft eher in wissenschaftlichen als moralischen Begrifflichkeiten. Bei einer Anhörung vor dem Sonderausschuss zur Stammzellenforschung des britischen Oberhauses, gab ein ,,Experte" an, dass adulte Stammzellen nicht nur genauso vielversprechend seien wie embryonale Stammzellen (was dem vorherrschenden wissenschaftlichen Konsens zufolge nicht stimmt), sondern dass sie auch noch besser seien - vielseitiger, formbarer.

Selbstverständlich sind moralische Bedenken legitimer Bestandteil der Stammzellenforschung und es waren die Briten, die diese Bedenken einer frühzeitigen und nachhaltigen Prüfung unterzogen. Das ist ganz angemessen, denn es war 1978 in Großbritannien, dass ein neues und problematisches Konstrukt entstanden ist -der Embryo in einer Petrischale- die Geburt des ersten ,,Retortenbabys" Louise Brown, dem Produkt einer in-vitro-Befruchtung. Es gab keine moralischen Paradigmen, die sich mit dem extrakorporalen Embryo befassten. Die moralischen Aspekte der Abtreibung sind nicht besonders hilfreich, obwohl die Gegner oft, aber nicht immer, dieselben sind.

Nein, ein neuer Denkansatz musste her und den lieferte Großbritannien mit dem Warnock-Bericht von 1984. Seine Schlussfolgerungen wurden in den Human Fertilisation and Embryology Act von 1990 aufgenommen.

Der britischen Beurteilung nach, besaß der Embryo außerhalb des Körpers moralischen Status, allerdings erst nach der Ausbildung des sogenannten Primitivstreifens am oder um den 14. Tag der Entwicklung. Vorher konnte man nicht davon ausgehen, dass er zukünftig eine einzigartige, identifizierbare Person sein würde; er könnte sich immer noch teilen und zu Zwillingen werden. Embryonenforschung wurde für Zwecke wie die Verbesserung der Wirksamkeit der IVF zugelassen. Es war nur ein kleiner Schritt für die Briten, Stammzellenforschung als einen zulässigen Zweck zu genehmigen.

Die meisten Menschen sind für die in-vitro-Befruchtung, aber es ist genau die Technologie, die den unfruchtbaren die Chance gibt Eltern zu werden, die auch moralische Fragen aufwirft. IVF ist ineffizient, deshalb werden für den Fall, dass sie benötigt werden, zusätzliche Embryonen produziert. Diese werden eingefroren und viele, wenn nicht die meisten, ungenutzt weggeworfen.

Für die Verbesserung der IVF ist auch Embryonenforschung erforderlich. Macht es irgendeinen moralischen Sinn zu behaupten, dass Embryonen, die dafür vorgesehen sind zerstört zu werden nicht für lebensrettende Stammzellenforschung verwendet werden dürfen? Embryonale Stammzellen werden um den fünften Tag herum einem frühen Embryo, Blastozyt genannt, entnommen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Embryo eine hohle Kugel aus etwa 100 Zellen, von denen keine als dafür bestimmt identifiziert werden kann, irgendein besonderer Teil irgendeines bestimmten menschlichen Wesens zu werden.

Um zu gedeihen braucht die Stammzellenforschung ein vernünftiges, vorhersehbares politisches Umfeld. Obwohl die Vereinigten Staaten einen enormen Einfluss auf die Grundlagenforschung in den Biowissenschaften besitzen, nehmen sie paradoxerweise keine führende Rolle bei der Bemühung darum ein und sind vielleicht nicht einmal ein Hauptakteur.

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Die Abtreibungsgegner haben den amerikanischen Kongress seit mehr als zwanzig Jahren das Fürchten gelehrt und so beließ dieser das Feld der assistierten Reproduktion nicht reguliert auf Bundesebene. Es gibt also kein politisches Rahmengefüge, innerhalb dessen die Stammzellenforschung oder reproduktives oder therapeutisches Klonen verankert werden könnte. In diesem Vakuum fand sich Präsident Bush wieder. Sein Glaube an die absolute Unantastbarkeit des frühen Embryos wird allerdings von der Mehrheit der Amerikaner nicht geteilt.

Die Stammzellenpolitik des Präsidenten -entwickelt ohne den Kongress zu Rate zu ziehen- behindert die amerikanische Wissenschaft und verlängert auf brutale Weise die Qualen von Millionen von kranken und leidenden Menschen. Die Wissenschaftler andernorts müssen ihren Weg ohne Amerika gehen. Ihre Arbeit -ihre Träume- werden unser aller Leben eine Wendung zum Guten geben.