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Die verlorenen Illusionen der Türkei

PARIS – „Tag für Tag entfernt sich Europa weiter von der Türkei“, erklärte vergangene Woche der türkische Minister für EU-Angelegenheiten, Egemen Bağış. Aber das Gegenteil trifft gleichermaßen zu: Mit eine Mischung aus Ernüchterung und Trotz hat sich die Türkei in den letzten Jahren ihrerseits von Europa entfernt. „Wenn ihr uns nicht wollt“, so scheinen die Türken zu sagen, „wollen wir euch auch nicht.“

In Wahrheit ist die Türkei fast drei Jahre nach Beginn des „Arabischen Frühlings“ stärker auf der Suche nach sich selbst als nach Europa, auch wenn sie Europa mehr braucht, als die Türken bereit sind zuzugeben. Was ist die Türkei heute, was sind ihre Werte, und was ist ihr Schicksal in einem hochgradig in Bewegung befindlichen Umfeld?

Der Arabische Frühling wurde zunächst als große Chance für die Türkei angesehen – als ideale Kulisse, um den wirtschaftlichen Erfolg, das demokratische Politikmodell und die unverzichtbare strategische Rolle des Landes in der Region herauszustellen. Damit würden die Erben eines der großen Weltreiche der Welt beweisen, dass Islam und Modernität ohne Weiteres vereinbar sind – ein inspirierendes Beispiel für arabische Länder wie Ägypten.

Stattdessen rief die Rolle der Türkei unter den Ägyptern Vorbehalte hervor; schließlich hatte das Ottomanische Reich über Ägypten geherrscht. Und auf türkischer Seite bestand ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber der arabischen Welt.