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Rückblick auf den Wiener Kongress

PARIS – Vor 200 Jahren, am 5. September 1814, begrüßte der österreichische Kaiser Franz I. den russischen Zaren Alexander I. und den preußischen König Friedrich Wilhelm III. vor den Toren Wiens. Der Beginn des Wiener Kongresses läutete die längste Phase des Friedens ein, die Europa seit Jahrhunderten erlebt hatte. Warum also wurde dieser Jahrestag fast völlig ignoriert?

Zwar wird der Wiener Kongress überwiegend als Symbol des Sieges der reaktionären Kräfte Europas nach der Niederlage Napoleons betrachtet. Doch wäre angesichts des zunehmenden globalen Durcheinanders, wenn nicht gar Chaos, so etwas wie Proust’sche Nostalgie in Bezug auf den Kongress vielleicht nicht verkehrt. Schließlich war dies ein Treffen, bei dem durch harte, aber erfolgreiche Verhandlungen nach den Umwälzungen der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege wieder eine internationale Ordnung etabliert wurde. Sind irgendwelche der daraus gezogenen Lehren auf die Gegenwart anwendbar?

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir nicht nur die Wiener Kongressakte von 1815, sondern auch den Westfälischen Frieden von 1648 und den Versailler Vertrag von 1919 betrachten, die alle drei jeweils auf eigene Art ein blutiges Kapitel europäischer Geschichte zum Abschluss brachten.

Die 1648 unterzeichneten Verträge beendeten fast ein Jahrhundert währende Religionskriege, indem sie den Grundsatz Cuius regio,eius religio („Wes der Fürst, des der Glaub“) etablierten. Der Wiener Kongress re-etablierte – ausgehend von der Annahme, dass alle Parteien ein gemeinsames Interesse teilten, das über ihre jeweils eigenen Ambitionen hinausreichte –, den Grundsatz des Gleichgewichts der Kräfte und stellte jenes Konzert der Nationen wieder her, das dann für zwei Generationen einem territorialen und ideologischen Revisionismus, wie man ihn zwischen 1789 und 1815 erlebt hatte, Einhalt gebot. Der Versailler Vertrag dagegen – zu hart, um eingehalten zu werden, und zu schwach, um sich durchsetzen zu lassen – bereitete dem Zweiten Weltkrieg den Weg.