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Das afrikanische Paradoxon

PARIS – Anfang Februar begann in Paris der Prozess gegen Pascal Simbikangwa. Er ist der Mittäterschaft am Völkermord in Ruanda angeklagt, der zwischen April und Juli 1994 800.000 Menschen das Leben kostete. Unglücklicherweise gehen die Massentötungen in Afrika weiter. Im Südsudan, dem neuesten afrikanischen Staat, kommt es vor allem rund um die Stadt Bor immer noch zu Massakern an der Zivilbevölkerung. Und die französische Militärintervention in der Zentralafrikanischen Republik konnte der massiven Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen auch kein Ende setzen.

Doch obwohl es in Afrika weiterhin zu derartigen Entwicklungen kommt  - und das vielleicht in größerem Maßstab als anderswo -  hat sich der Kontinent paradoxerweise auch zu einem Leuchtfeuer der Hoffnung entwickelt. Tatsächlich steht die anhaltende extreme Gewalt in starkem Kontrast zu Afrikas günstigem demographischen Profil und seinem wirtschaftlichen – und sogar politischen und sozialen – Fortschritt der letzten Jahre.

Eine mögliche Sichtweise dieses Paradoxons ist es als Abschluss einer vierhundert Jahre dauernden Phase zu betrachten. Seit dem 17. Jahrhundert ist Afrika hauptsächlich Objekt der Geschichte gewesen. Zunächst wurden die Menschen des Kontinents von den Sklavenhändlern als Ware betrachtet, die man für das Wirtschaftswachstum anderswo brauchte. Anschließend zerteilten die Kolonialmächte den Kontinent künstlich und willkürlich, wobei sie ihre Gier hinter dem Schleier edel klingender Ziele versteckten: man war in „zivilisatorischer“ Mission unterwegs.  

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bot Afrika einem europäischen Kontinent in den Fängen zweier Weltkriege das Blut seiner Einwohner und später Zuflucht zu seinen Territorien. Und in der  zweiten  Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach einem brutalen Kampf gegen die Kolonialmächte, wurden Afrikas neu errichtete unabhängige Länder zu stellvertretenden Schauplätzen des Kalten Kriegs.