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Europas Geografie der Werte

PARIS – Wie soll Europa auf Russlands erneute Bekräftigung seiner imperialen Tradition und der trügerischen Methoden und Reflexe der sowjetischen Vergangenheit regieren? Soll es „dem Wert der Geografie“ oder „der Geografie der Werte“ Vorrang einräumen?

Diejenigen, die sich für ersteres entscheiden, tun dies im Namen eines kurzfristigen „energiepolitischen Realismus“ mit der Begründung, dass es unerlässlich sei, eine Einigung mit Russland zu erzielen, weil es Europa, anders als Amerika, an Schiefergas und Erdöl mangelt. Dieser Argumentation zufolge können die Vereinigten Staaten ohne Russland auskommen, aber Europa kann es nicht.

Für die Realisten kommt hinzu, dass Amerikas Geringschätzung gegenüber seinen ältesten und treuesten Verbündeten – die sich in den jüngsten Abhörskandalen um die NSA (National Security Agency) widerspiegelt – das Vertrauen in die Vorstellung von einer „Wertegemeinschaft“ untergraben hat. Wenn Amerika die Werte nicht mehr respektiert, zu denen es sich bekennt, warum sollte die Europäische Union im Namen der Aufrechterhaltung dieser Werte die Gewogenheit des Kremls verlieren?

Die Realisten machen zudem geltend, dass sich Europa durch die Angleichung der Standpunkte der EU an die der NATO leichtfertig entschieden hat, Russland zu demütigen – eine nutzlose und gefährliche Vorgehensweise. Sie sagen, es sei an der Zeit für eine Politik, die historischen und geografischen Common Sense mit energiepolitischer Notwendigkeit in Einklang bringt. Europas Zukunft ist untrennbar mit der Zukunft Russlands verbunden, während sich Amerika, aus Desinteresse, wenn nicht gar Desillusion, von Europa abgewendet hat. Das Gedenken an eine ruhmreiche Vergangenheit – der 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie – kann die weniger erhabene Gegenwart nicht verbergen: Europa mag zwar versuchen, seine Energieressourcen zu diversifizieren, kann in absehbarer Zeit aber nicht ohne Russland auskommen.