galaz1_Dina RudickThe Boston Globe via Getty Images_robotfarmingsustainability Dina Rudick/The Boston Globe via Getty Images

Wird die vierte industrielle Revolution der Nachhaltigkeit dienen?

STOCKHOLM – Aus Silicon Valley hört man allenthalben, dass die vierte industrielle Revolution uns ungeahnte Vorteile bringen werde, dass sie bereits im Gange sei und sich beschleunige, angetrieben durch künstliche Intelligenz und andere Technologien. Und wenn wir nicht mitmachen, so heißt es weiter, werden wir das Nachsehen haben.

Dieser Umbruch – an dem auch die Auswirkungen von Robotik, Bio- und Nanotechnologie, 5G und dem Internet der Dinge (IoT) wahrzunehmen sind -, ist eine Revolution für alle Zwecke. Ihre Anführer und Befürworter versprechen, dass sie den Gesellschaften helfen wird, den Klimawandel zu bewältigen, Armut und Ungleichheit zu bekämpfen und den dramatischen Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten.

Die Revolution könnte so ablaufen. Oder auch nicht.

Denken Sie an die jüngste digitale Revolution, die uns Google, Facebook und Twitter bescherte und die Art und Weise veränderte, wie Informationen auf der Welt vermittelt werden. Zunächst schien die Möglichkeit, sich online mit anderen zu vernetzen und digitale Inhalte nahtlos über immer größer werdende virtuelle soziale Netzwerke zu erstellen und zu teilen, nur Vorteile zu bringen.

Doch heute erschwert die globale Flut von Fehlinformationen, die durch diese Plattformen ermöglicht wird, die Bewältigung der COVID-19-Pandemie und die Bekämpfung des Klimawandels. Nur wenige erkannten, was geschah, bis es zu spät war, und jetzt haben wir mit den Folgen zu kämpfen.

Wie können Gesellschaften also das Risiko einer versehentlichen, unwissenden oder vorsätzlich böswilligen Nutzung der nächsten Technologiegeneration minimieren?

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Meine Arbeit fokussiert sich zunehmend auf die Kollision zweier Welten. Die Technosphäre umfasst die Dinge, die die Menschen geschaffen haben, die schätzungsweise 30 Billionen Tonnen oder 50 Kilogramm pro Quadratmeter der Erdoberfläche ausmachen. Die Biosphäre ist die dünne Schicht an der Erdoberfläche, in der das Leben gedeiht, und in der die Menschen seit 10.000 Jahren ein relativ stabiles Klima haben.

Ich begann mich für die Beziehung zwischen diesen Welten zu interessieren, als ich das Wachstum halbautomatischer globaler Frühwarnsysteme zur Krankheitsbekämpfung untersuchte. Dadurch wurde mir bewusst, wie tiefgreifend Technologie das Verhalten von Menschen, Organisationen und Maschinen verändert. Manchmal ist dieser Einfluss linear, einfach und direkt. Aber meistens sind die Auswirkungen des technologischen Wandels indirekt; sie bewegen sich durch komplexe Netze von Kausalitäten und werden für uns erst nach langer Zeit sichtbar. Soziale Medien sind ein gutes Beispiel dafür.

Die Technosphäre umgibt uns von allen Seiten. Sie ist auf dem besten Weg, eine sogenannte „kognitive Infrastruktur” zu werden, mit der Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, zu denken, sich zu erinnern, zu lernen, Probleme zu lösen und manchmal sogar Entscheidungen zu treffen, ohne dass der Mensch durch zunehmende Automatisierung und maschinelles Lernen eingreifen muss.

In evolutionärer Hinsicht mag dies ein großer Sprung sein. Aber Entscheidungen über das Design und die Richtung der Technosphäre müssen soziale Ziele einbeziehen und den Zustand des Planeten im Auge haben. Der Aufbau einer nachhaltigeren Zukunft erfordert daher, dass wir einige tief verwurzelte Annahmen über die Rolle der Technologie und insbesondere der künstlichen Intelligenz überdenken.

Der größte Imperativ könnte sein, das dominante Narrativ „KI für den Klimawandel” zu erweitern. In seiner einfachsten Form konzentriert sich dieses Narrativ auf den Einsatz von KI zur Vorhersage des Klimas oder zur Optimierung von Energiesystemen oder Verkehrsflüssen. Aber das Klimasystem ist grundlegend mit der Biosphäre verbunden, mit ihrer Artenvielfalt, den Wäldern, den Ozeanen und den landwirtschaftlichen Ökosystemen. Die Entwicklung und der verantwortungsvolle Einsatz von KI zur Bewältigung dringender Nachhaltigkeitsherausforderungen erfordert, dass wir diese Verbindung mit dem lebenden Planeten und unsere Rolle darin begreifen.

Darüber hinaus ist es der falsche Weg, den Beitrag von KI in Bezug auf Optimierung und Effizienz zu betrachten, um die langfristige Widerstandsfähigkeit der Menschen und des Planeten zu stärken. Resilienz - die Fähigkeit, sich von Schocks zu erholen und sich an veränderte Bedingungen anzupassen - erfordert Vielfalt und Redundanz. Eine Stadt mit einer einzigen großen Autobahn, die durch ihr Zentrum führt, ist bei einer Sturzflut oder einem Terroranschlag anfällig für Staus. Eine Stadt, die viele Wege von einem Ort zum anderen hat, ist widerstandsfähiger.

Systeme, die auf die Maximierung des Ertrags (z. B. einer bestimmten Kulturpflanze) optimiert sind, sind anfällig für Schocks und veränderte Umstände. Die Optimierung landwirtschaftlicher Flächen für maximale Erträge mithilfe von prädiktiver Analytik und Automatisierung ist eine verlockende Strategie, aber sie könnte den Verlust von lokalem ökologischem Wissen beschleunigen, bestehende Ungleichheiten verstärken und die Abhängigkeit von Monokulturen als Reaktion auf kommerziellen Druck erhöhen.

Das Potenzial von KI zur Bewältigung des Klimaproblems liegt nicht in der Optimierung von Systemen, sondern in der Erweiterung der Fähigkeiten der Menschen, zu Verwaltern der Biosphäre zu werden. Ein solcher Blick über den Tellerrand ist heute dringend notwendig. Aber es gibt zwei große Risiken bei dem Versuch, intelligente Maschinen zu steuern, um die Verwaltung der Biosphäre zu fördern.

Der erste ist ein Hype. In dem Maße, wie der Druck auf unseren Planeten und das Klimasystem zunimmt, wächst auch die Hoffnung, dass KI-Lösungen dabei helfen können, zutiefst komplexe soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme zu „lösen”. Unser Wissen darüber, ob KI tatsächlich große Vorteile für das Klima bietet (und für wen), ist begrenzt, und die bestehenden Einschätzungen sind oft sehr optimistisch, wenn man bedenkt, was wir über diese technologische Entwicklung wissen. Alle Behauptungen müssen rigoros und unabhängig getestet werden, während sich die KI-Technologien weiterentwickeln und mit der Zeit verbreiten.

Das zweite Risiko ist die Beschleunigung. Der Einsatz von KI-Systemen und verwandten Technologien wie IoT, 5G und Robotik kann durchaus zu einem schnelleren Verlust der Widerstandsfähigkeit der Biosphäre und einem verstärkten Abbau von fossilen Brennstoffen und den Rohstoffen führen, die diesen Technologien zugrunde liegen. Beispielsweise versuchen Öl- und Gasfirmen zunehmend, durch Digitalisierung Kosten zu senken. Einer Schätzung zufolge könnte der Markt für digitale Dienstleistungen im Bereich der fossilen Brennstoffe in den nächsten fünf Jahren um 500 Prozent wachsen und den Ölproduzenten jährlich etwa 150 Milliarden US-Dollar einsparen.

Digitalisierung, Automatisierung und KI haben ungenutztes Potenzial, sowohl die Nachhaltigkeit zu stärken als auch die Ausbeutung zu optimieren. Um die vierte industrielle Revolution für die Nachhaltigkeit nutzbar zu machen, müssen wir jetzt beginnen, ihre Technologien besser und stärker zu steuern.

Aus dem Englischen von Eva Göllner

https://prosyn.org/bkxQUsJde