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Beschäftigung im Zeitalter der Arbeitsplattformen

NEU DELHI – Eine der bedeutendsten sozioökonomischen Veränderungen, die sich durch Covid-19 noch beschleunigten, besteht sicherlich im Aufstieg der digitalen Arbeitsplattformen. Freilich verzeichnete die plattformbasierte Beschäftigung schon vor der Pandemie exponentielles Wachstum. Doch die Kombination aus Lockdowns, Ausgangssperren und die daraus resultierende stärkere Abhängigkeit von Telearbeit hat sowohl die Verbreitung als auch die Intensität der Nutzung dieser Plattformen dramatisch erhöht.

Bis vor kurzem wurde relativ selten darüber diskutiert, welche Bedeutung die rasante Ausbreitung digitaler Beschäftigungsplattformen für die Arbeit an sich und die Arbeitsverhältnisse hat. Ein wichtiger, jüngst veröffentlichter Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt Antworten auf viele Fragen -  und wirft einige weitere auf, mit denen sich Politik und Regulierungsbehörden befassen müssen.

Was genau heißt nun plattformbasierte Arbeit? Bei diesen Plattformen handelt es sich um digitale Marktplätze, die eine Verbindung zwischen Produzenten und Konsumenten von Waren und Dienstleistungen schaffen – und im Fall von Beschäftigungsplattformen zwischen Arbeitskräften und denjenigen, die diese einsetzen wollen.

Digitale Arbeitsplattformen unterscheiden sich aufgrund ihres breit gestreuten und scheinbar nicht-hierarchischen Charakters deutlich von den Arbeitsvermittlungen der Vergangenheit. Überdies erwecken sie den Eindruck einer interventionsfreien Objektivität, weil sie ja angeblich einfach die Wünsche und Reaktionen der Beteiligten erheben, obwohl die bei dieser Erhebung verwendeten Algorithmen nachweislich ihre eigenen Formen der Hierarchie und Diskriminierung erzeugen.

Der Bericht der ILO konzentriert sich auf die beiden wichtigsten Arten digitaler Arbeitsplattformen. Standortbasierte Plattformen bieten Arbeit oder Dienstleistungen innerhalb eines bestimmten räumlichen Bereichs an. Dazu gehören Taxi- und Zustelldienste, haushaltsnahe Dienstleistungen wie Reinigung und Reparaturen sowie verschiedene Formen der Pflegeleistungen.

Webbasierte Online-Plattformen hingegen decken Aufgaben ab, die überall auf der Welt ausgeführt werden können. Dabei kann es sich um spezifische Aufgaben von kurzer Dauer handeln, wie etwa das Erstellen von Bildunterschriften oder das Transkribieren von Videos, oder um komplexe und hochqualifizierte Arbeiten wie Übersetzungen, Rechts- oder Finanzdienstleistungen, Design- und Softwareentwicklung sowie Datenanalyse.

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Take Survey

Beide Arten dieser Plattformen haben eine starke Ausbreitung erfahren, aber die Menschen nehmen tendenziell eher die ortsbezogenen Plattformen wahr, weil diese an einigen Orten fast allgegenwärtig sind. Die ILO schätzt, dass die Zahl der Plattformen weltweit von 142 im Jahr 2010 auf fast 800 im Jahr 2020 anstieg, wobei sich die Zahl der webbasierten Online-Plattformen verdreifachte, während sich die Zahl der ortsbezogenen Plattformen fast verzehnfachte.

Heute verlassen sich alle Arten von Unternehmen auf Online-Plattformen zur Arbeitskräftesuche - von Fortune-500-Firmen bis hin zu Start-ups und Kleinunternehmen, die Arbeitskräfte für bestimmte Aufgaben brauchen. Insgesamt senken Plattformen die mit der Suche nach Arbeitskräften verbundenen Kosten in dramatischer  Weise  und das sowohl für Auftragnehmerinnen und Auftragnehmer als auch für diejenigen, die ihre Dienste nutzen.

Schätzungen über die Zahl der Menschen, die über diese Plattformen Arbeit erhalten, sind schwer zu bekommen, zum Teil weil nicht klar ist, wie viele sie als ihre einzige Einkommensquelle betrachten. Einige Umfragen legen jedoch nahe, dass der Anteil der Bevölkerung in Europa, der schon einmal über eine Plattform Arbeit angenommen hat, zwischen 9 und 22 Prozent liegt.

Die meisten digitalen Arbeitsplattformen funktionieren, indem sie auf Informationen über Arbeitskräfte zugreifen und diese an diejenigen übermitteln, die potenziell an deren Diensten interessiert sind. Der eigene Mitarbeiterstamm dieser Plattformen ist in der Regel sehr klein im Vergleich zu der Anzahl an Arbeitskräften, mit denen sie indirekt zu tun haben. Die Freelancer-Arbeitsplattform PeoplePerHour beschäftigt beispielsweise nur etwa 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vermittelt aber Arbeit an etwa 2,4 Millionen Fachkräfte.

Der ILO-Bericht fördert viele neue Informationen zutage, die im Rahmen einer weltweiten Umfrage unter 12.000 Plattform-Arbeitskräften erhoben wurden. Arbeitskräfte, die auf standortbasierten Plattformen aktiv sind, erzielten den Großteil ihrer Einkünfte aus dieser Quelle, während von den auf Online-Plattformen registrierten Arbeitskräften etwa ein Drittel (in Entwicklungsländern mehr) hauptsächlich auf diese Beschäftigung angewiesen sind, um ihr Einkommen zu erzielen.

Interessanterweise bleiben länderübergreifende Lohnunterschiede auf Online-Plattformen bestehen, obwohl die Nutzung dieser Plattformen eigentlich keinen geografischen Nachteil mit sich bringen sollte. So ergab die Untersuchung der ILO beispielsweise, dass Arbeitskräfte in Entwicklungsländern selbst nach Kontrolle grundlegender Merkmale wie Alter und Ausbildung sowie der Art der ausgeführten Aufgaben auf Freelance-Plattformen im Durchschnitt 60 Prozent weniger verdienten als Arbeitskräfte in Industrieländern.

Der Haken an der Sache ist, dass diejenigen, die Arbeit über digitale Arbeitsplattformen erhalten, in Wirklichkeit selbständig sind und diese Plattformen keine Verantwortung für Löhne oder Entlohnung oder Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen übernehmen. Einige ortsbasierte Plattformen, insbesondere Zustell- und Taxidienste, sind in Ländern, wo man sie als Arbeitgeber behandeln will, unter regulatorische und rechtliche Beobachtung geraten, aber das ist noch die Ausnahme.

Darüber hinaus wird für Arbeit via Plattformen – unabhängig von der dafür notwendigen Qualifikation - typischerweise Akkordlohn bezahlt. Alle Probleme der Akkordarbeit sind seit jeher offenkundig: Einkommensunsicherheit, eine höchst ungleiche Risikoverteilung und die Tendenz zur Selbstausbeutung, die jede Vorstellung von Arbeitnehmerautonomie und Flexibilität untergräbt.

Hinzu kommen die Bedenken über die oftmals undurchsichtigen Algorithmen der Plattformen sowie Gebühren und Provisionen, die von Arbeitskräften verlangt werden. Diese verfügen im Allgemeinen über keine rechtlichen Möglichkeiten der Beschwerde und echte Kommunikation mit den Betreibern der Plattform ist vielfach nicht vorgesehen. Außerdem kann das Bewusstsein, mit einer anonymen weltweiten Konkurrenz konfrontiert zu sein, ein Gefühl der Machtlosigkeit verstärken, wodurch Arbeitskräfte einem immer stärkeren Abwärtsdruck hinsichtlich der Honorare ausgesetzt sind.

Hier offenbart sich in der Tat eine schöne neue Welt für Arbeitskräfte, mit manchen neuen Möglichkeiten und zahlreichen Herausforderungen. In vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften werden diese Plattformen typischerweise mit der Informalisierung der Beschäftigung in Verbindung gebracht. In Entwicklungsländern mit überwiegend informellen Arbeitskräften können derartige Plattformen jedoch manchmal ein Schritt in Richtung Formalisierung darstellen.

Wie kann eine Regulierung dieser neuen-alten Arbeitsverhältnisse aussehen, die so offenkundig gegen die Arbeitskräfte gerichtet zu sein scheinen? Klar ist, dass wir die Rolle des Arbeitgebers neu überdenken und sowohl dessen Pflichten als auch die Rechte der Arbeitskräfte genauer festlegen müssen. Überdies bedarf es umfassenderer und flexiblerer Überlegungen zu Arbeitsstandards, die auch Akkordarbeit einschließen.

Dies kann nur zum Teil auf nationaler Ebene geschehen. Da digitale Arbeitsplattformen länderübergreifend über juristische Zuständigkeitsbereiche hinweg operieren, ist auch internationale politische Koordination unerlässlich. Nun, da die Welt die Bedeutung des globalen Dialogs und der Zusammenarbeit wieder erkennt, sollte die Regulierung der Plattformarbeit auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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