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Lückenschluss bei den Gesundheitsdaten

BOSTON – Während große Teile der Welt von heute unter einer Überfrachtung mit Information leiden, gibt es noch immer Orte, an denen Information Mangelware ist. In manchen Fällen kostet dieser Mangel Menschen das Leben.

Auf der Entbindungsstation der größten öffentlichen Gesundheitseinrichtung Sansibars, dem Mnazi-Mmoja-Krankenhaus, werden die Daten der Patientinnen auf einer Wandtafel erfasst. Zu den erhobenen Informationen gehören die Zahl der aufgenommenen Frauen, Art sowie Schweregrad ihrer Erkrankung und ob sie überlebt haben oder nicht.

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Das ist zwar besser als nichts, aber doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es fehlen Datumsangaben, Vermerke zur Uhrzeit und auch langfristige Archivierungssysteme. Da das Fotografieren der Tafel streng verboten ist, bestehen die Aufzeichnungen nur so lange, wie sie nicht gelöscht werden.

Sansibar ist mit seiner Haltung im Hinblick auf Krankenakten kein Einzelfall. Tatsächlich geht man in Sansibar wahrscheinlich sogar mit größerer Sorgfalt ans Werk als in anderen Ländern Afrikas und Asiens, wo es überhaupt keine Datenerfassung gibt. 

Besteht in einem Land ein derartiges Datendefizit, werden gesundheitspolitische Strategien, Maßnahmen und Budgets auf Grundlage politischer Opportunität oder Mutmaßungen konzipiert. Manchmal geht das gut, aber in den meisten Fällen eben nicht.

Darin besteht eine der größten Herausforderungen in den Gesundheitssystemen der Entwicklungsländer. Die Erfassung präziser Daten aller Patienten (unter Einhaltung der Datenschutzbestimmungen) ist von entscheidender Bedeutung, um Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit, Pflegefehler und medizinische Fehler zu verfolgen und sie ist eine unabdingbare Voraussetzung für offene und ehrliche Diskussionen über gesundheitspolitische Fragen, die ganze Gemeinschaften oder Länder betreffen können.  

Laut einer von Martin Makary und Michael Daniel von der medizinischen Fakultät der Johns Hopkins University durchgeführten und im British Medical Journal veröffentlichten Untersuchung sind allein medizinische Fehler die dritthäufigste Todesursache nach Herzerkrankungen und Krebs. Ihrer Untersuchung zufolge zählen zu medizinischen Fehlern schlechte Ärzte, mangelhafte klinische Beurteilung, Fehlkommunikation zwischen Mitarbeitern oder Abteilungen sowie Fehldiagnosen.

Es besteht kein Grund zur Annahme, dass dieses Problem auf die Vereinigten Staaten beschränkt ist. Die Gesundheitssysteme in den Entwicklungsländern stehen oftmals vor noch größeren Herausforderungen wie unzulänglichen technischen Kapazitäten im Krankenhausmanagement, Personalmangel, schlechte Ausbildung, Arzneimittel geringer Qualität und relative Straffreiheit im Falle ärztlicher Kunstfehler. Da wir über derart beschränkte Daten verfügen, lässt sich auch nicht eruieren, in welchem Ausmaß jeder dieser Faktoren in den Entwicklungsländern zu schlechten gesundheitlichen Ergebnissen und vermeidbaren Todesfällen beiträgt.

Abgesehen von ihrer potenziell lebensrettenden Funktion können zuverlässige Daten auch finanzielle und psychische Kosten senken. Trotz des im Kampf gegen HIV, Malaria und Tuberkulose erzielten Fortschritts, ist die finanzielle Belastung durch die Gesundheitsversorgung in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens beträchtlich. Neben den erwähnten Krankheiten, für die teilweise aufgrund breiter Bewusstseinsbildung Behandlungen und Möglichkeiten der Nachverfolgung bestehen, bleiben viele anderen Erkrankungen unerkannt und belasten somit weiterhin die öffentlichen Gesundheitsdienste.  

Das Wissen um häufige Todesursachen ist die einzige Möglichkeit, die Gesundheitsversorgung in jenen Ländern zu verbessern, wo man mit hoher Krankheitslast, patriarchalischen Hierarchien und großen, in ländlichen Gebieten verstreut lebenden Bevölkerungsteilen konfrontiert ist, die auf traditionelle Formen der Medizin angewiesen sind. Unter diesen Umständen sind Interaktionen zwischen Patienten und Ärzten selten, weswegen es von so großer Bedeutung ist, darüber bei jeder Gelegenheit Aufzeichnungen zu führen.

Unterschiedliche Gesellschaften haben unterschiedliche Bedürfnisse hinsichtlich ihrer  Gesundheitsversorgung und es ist keine leichte Aufgabe, diese Bedürfnisse zu ergründen. Dennoch kann dieser Prozess mit drei Schritten eingeleitet werden. 

Der erste Schritt besteht darin, in den jeweiligen Gemeinden Bewusstsein zu schaffen. Alle Menschen wollen ein gesundes und produktives Leben für sich und ihre Angehörigen und begrüßen deshalb neue Erkenntnisse darüber, warum die Menschen in ihrer Umgebung sterben oder krank werden. Nachdem auch in armen Ländern Bürgerjournalismus und soziale Medien Einzug halten, sind Kampagnen zur öffentlichen Bewusstseinsbildung heute erschwinglicher denn je.

In einem zweiten Schritt müssen bessere Möglichkeiten der Datenerfassung konzipiert werden. In vielen Entwicklungsländern fehlt es an den nötigen finanziellen Mitteln, an Infrastruktur und Ausbildung, um komplexe Datenerfassungssysteme anzuwenden. Das heißt allerdings nicht, dass keine beträchtlichen Fortschritte in der Erhebung von Daten zu erzielen sind. Wie Atul Gawande von der School of Public Health der Universität Harvard zeigt, können einfache Checklisten durchaus wirksam sowohl zur Datenerfassung als auch zur verbesserten Entscheidungsfindung eingesetzt werden. Wissen Mitarbeiter im Gesundheitswesen und politische Entscheidungsträger, welche Daten nützlich sind und warum, sind sie dadurch schon besser in der Lage, die Ergebnisse im Bereich öffentliche Gesundheit zu verändern. 

Schließlich gilt es, eine transparente Überwachung der erhobenen Daten sicherzustellen. Manche Daten könnten politisch nicht genehme oder paradox erscheinende Schlussfolgerungen zulassen, weswegen manche Politiker möglicherweise versucht sind, diese unter den Teppich zu kehren. Im Zeitalter von sozialen Medien und Open-Access-Zeitschriften sollten wir fordern, dass neu erhobene Daten einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt werden, das sich über Fragen der öffentlichen Gesundheit und die Arbeit in der Gesundheitsversorgung informiert.   

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Letztlich wird es uns wahrscheinlich nicht gelingen, Todesfälle aufgrund bestimmter Krankheiten zu verhindern. Aber mehr Informationen versetzen uns sehr wohl in der Lage, Todesfälle zu vermeiden, die auf das Konto unserer Selbstgefälligkeit oder Inkompetenz gehen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier