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Eine neue Richtung für globale Gesundheit

NEW YORK – Der derzeitige Stand der internationalen Zusammenarbeit kann durchaus entmutigend sein, aber die globale Gesundheit bleibt ein Bereich, in dem die Welt zusammenkommen muss, um maßgeblich Gutes zu bewirken. In den vergangenen zwölf Jahren haben internationale Initiativen Millionen von Menschen Zugang zur Behandlung von HIV/AIDS verschafft, die Immunisierung von Kindern ausgeweitet und für deutlich mehr globale Unterstützung bei der Bekämpfung anderer gesundheitlicher Herausforderungen von Malaria bis zur Gesundheit von Müttern gesorgt.

Internationale Unterstützung für die globale Gesundheit ist eine Investition in den künftigen Wohlstand von Entwicklungsländern und das Wohlergehen der dort lebenden Menschen. Es ist eine Investition, die sich die reichsten Länder der Welt ohne weiteres leisten können.

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So sind etwa die Vereinigten Staaten mit nur 0,23% der US-Ausgaben im Jahr 2013 der größte Geldgeber im Bereich der globalen Gesundheit. Diese Investition hat sich auf bemerkenswerte Weise ausgezahlt. Die Kindersterblichkeit sinkt. Millionen von Menschen, die sonst an HIV/AIDS gestorben wären, sind noch am Leben. Länder, die auf internationale Hilfe angewiesen waren, werden zunehmend unabhängig – und folglich bessere Handelspartner und strategische Partner.

Doch die Gesundheitsbedürfnisse von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ändern sich gerade. Einschneidende Veränderungen in den Bereichen Urbanisierung, Welthandel und Verbrauchermärkte – die in reichen Ländern über Jahrzehnte erfolgt sind – finden in immer noch armen Ländern schneller und in viel größerem Umfang statt. Diese Entwicklungen waren mit erheblichen Vorteilen für die Gesundheit verbunden, so etwa bessere sanitäre Versorgung und einer Steigerung der Nahrungsmittelproduktion, haben aber auch große Herausforderungen entstehen lassen.

Ein prominentes Beispiel ist Ebola. Seitdem das Virus 1976 entdeckt worden ist, sind weniger als 2.000 Menschen, alle in Zentralafrika, an Ebola gestorben. Bis zu diesem Jahr: 2014 hat Ebola mehr als dreimal so viele Opfer gefordert und einige Fälle, die sich international ausgebreitet haben, beherrschen die Abendnachrichten und haben die Wähler bei den kürzlich erfolgten Kongress- und Gouverneurswahlen in den USA verängstigt.

Ein Hauptgrund ist das Wachstum kleiner und mittelgroßer Städte. In Westafrika nimmt die Urbanisierung um 3% pro Jahr zu (verglichen mit 0,2% in Nordamerika und 0,3% Europa). So sind Siedlungen mit einer Million oder weniger Bewohnern entstanden, die nicht ausreichend medizinisch versorgt werden.

Die beengten Wohnverhältnisse in diesen Städten sind der ideale Nährboden für den Ausbruch neu auftretender Infektionskrankheiten wie Ebola. Ausgebrochene Krankheiten werden sich durch vermehrten Handel und Reiseverkehr in der Region wahrscheinlich weiter verbreiten, bevor internationale Maßnahmen zu ihrer Eindämmung koordiniert werden können.

Ein weiteres Beispiel für sich wandelnde globale Gesundheitsbedürfnisse ist die erstaunlich schnelle Zunahme von Herzerkrankungen, Krebs und anderen nichtübertragbaren Krankheiten (noncommunicable diseases, NCDs) in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen. Diese Krankheiten, von denen man früher glaubte, sie seien das Problem wohlhabender Länder, sind schnell zur häufigsten Ursache für Tod und Behinderungen in Entwicklungsregionen geworden

und haben 2013 fast acht Millionen Menschen vor ihrem 60. Geburtstag das Leben gekostet.

In einem unlängst veröffentlichten Bericht, der von dem US-amerikanischen Think Tank Council on Foreign Relations gefördert wurde, lenken wir die Aufmerksamkeit auf den Kontrast zwischen zunehmenden Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes und anderen NCDs in Entwicklungsländern und den Erfolg internationaler Bemühungen bei der Bekämpfung von HIV/AIDS und anderen Infektionskrankheiten. Von 1990 bis 2010 ist die Zahl der Todesfälle und Behinderungen aufgrund von nichtübertragbaren Krankheiten in Ländern mit geringem Einkommen 300% schneller gestiegen als sich der Rückgang von Infektionskrankheiten vollzogen hat.

Einige derselben Faktoren, die beim jüngsten Ebola-Ausbruch zum Tragen kommen, sorgen für die hohe Rate an NCDs. Die Bewohner dicht besiedelter Stadtgebiete in Schwellenländern sind häufig Luftverschmutzung in Innenräumen und auch im Freien ausgesetzt und haben seltener Zugang zu angemessener Ernährung. Die meisten Gesundheitssysteme in diesen Ländern sind nicht für die Versorgung chronisch Kranker oder Prävention ausgelegt, und es fehlt an grundlegendem Verbraucherschutz. Von 1970 bis 2000 hat sich der Zigarettenkonsum in Entwicklungsländern verdreifacht. Krankheiten, die in Ländern mit hohem Einkommen vermeidbar sind, wie Gebärmutterhalskrebs, oder behandelbar, wie Diabetes, kommen in Entwicklungsländern oftmals einem Todesurteil gleich.

Internationale Investitionen haben sich, vor allem im Hinblick auf nichtübertragbare Krankheiten, noch nicht an die sich wandelnden Gesundheitsbedürfnisse angepasst. 2010 sind 69,38 US-Dollar an internationaler Hilfe für jedes Lebensjahr ausgegeben worden, das durch Tod oder Behinderung aufgrund von HIV/AIDS verloren bzw. beeinträchtigt wurde (gemessen in „disability-adjusted life years“ oder DALYs). 16,27 Dollar wurden pro DALY aufgrund von Malaria ausgegeben und 5,42 Dollar pro DALY aufgrund des schlechten Gesundheitszustands von Müttern, Neugeborenen und Kindern. Aber nur 0,09 Dollar wurden pro DALY aufgrund von Herzerkrankungen, Krebs und anderen NCDs ausgegeben.

Unterdessen spitzt sich die Epidemie nichtübertragbarer Krankheiten zu. Das Weltwirtschaftsforum prognostiziert wirtschaftliche Verluste in Höhe von 21,3 Billionen US-Dollar in Entwicklungsländern bis zum Jahr 2030.

Fortschritte bei der Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten sind dennoch möglich. Obwohl die Zahl der übergewichtigen Menschen in reichen Ländern drastisch gestiegen ist, hat sich die Zahl vorzeitiger Todesfälle und Behinderung durch Herzerkrankungen, Krebs und andere NCDs deutlich verringert. Die meisten Instrumente und Strategien, die diesem Erfolg zugrundeliegen, sind kostengünstig, kommen aber in Entwicklungsländern nicht umfassend zum Einsatz. Hierzu zählen preisgünstige Medikamente zur Vermeidung von Herzinfarkten, Impfstoffe, die Gebärmutterhalskrebs vorbeugen und die gleichen Tabaksteuern und Vorschriften für Werbung, die die Zahl der Raucher in Europa und den USA drastisch reduziert haben. Diese Instrumente und Strategien sind in von Gebern finanzierte Pilotprogramme gegen HIV/AIDS und andere Infektionskrankheiten in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen erfolgreich integriert worden.

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Wenn Länder mit geringem und mittlerem Einkommen die Prävention und Behandlung von nichtübertragbaren Krankheiten im selben Tempo verbessern könnten wie das durchschnittliche reiche Land in der Zeit von 2000 bis 2013, würden sie fünf Millionen Todesfälle verhindern. Dieses Ergebnis ist mit den erfolgreichsten globalen Gesundheitsinvestitionen in HIV und die Immunisierung von Kindern vergleichbar und aus dem gleichen Grund eine lohnende Investition: Ein gesünderes, produktiveres Leben ist Voraussetzung für eine friedliche, integrative Weltwirtschaft.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.