A Internally Displaced Congolese child sits on the ground at a camp for IDP JOHN WESSELS/AFP/Getty Images

Eine bessere Zukunft für den Kongo

LONDON – Die Demokratische Republik Kongo wurde zu einem Synonym für Staatsversagen. Kein Land hat mehr brutale Konflikte durchgemacht, mehr kleptokratische und korrupte Regierungen an der Macht gesehen oder mehr natürliche Ressourcen verschwendet. Gefangen in einem Kreislauf aus politischer Unsicherheit, wirtschaftlicher Rezession und eskalierender Gewalt ist die humanitäre Katastrophe zu einer Lebensweise geworden. Trotzdem ist eine bessere Zukunft möglich.

Eine Vorstellung von dieser Möglichkeit bekommt man in der baufälligen Grundschule von Rubaya, einer Kleinstadt inmitten sattgrüner Hügel in der an der Grenze zu Ruanda gelegenen Provinz Nordkiwu. Aufmerksam sitzen die Kinder in überfüllten Klassenräumen und folgen dem Unterricht mit Begeisterung, Ehrgeiz und dem Licht der Hoffnung, das sich in ihren Gesichtern widerspiegelt.  Die 13 Jahre alte Dorothy Gakoti möchte Gesundheits- und Krankenpflegerin werden. „Wenn ich in der Schule gut bin, kann ich ein besseres Leben mit mehr Chancen führen – und ich kann meiner Familie und meiner Gemeinde helfen,“ erklärt sie.

Doch die Demokratische Republik Kongo – und auch Nordkiwu – bleiben weiterhin mit Herausforderungen konfrontiert. Dutzende nach ethnischer Zugehörigkeit zusammengesetzte Milizen namens Mai-Mai drangsalieren die lokale Bevölkerung. Vielfach auf junge Mädchen abzielende sexuelle Gewalt ist weitverbreitet und wird selten angezeigt. Etwa 4,5 Millionen Kinder sind unterernährt, beinahe die Hälfte davon schwer. Weniger als die Hälfte der Kinder, die sich mit potenziell tödlichen Krankheiten wie Lungenentzündung und Malaria anstecken, werden auch dagegen behandelt.

Erschwerend kommt hinzu, dass etwa ein Viertel der schulpflichtigen Kinder der Demokratischen Republik Kongo überhaupt keine Schulbildung erhalten. Und Kinder, die eine Schule besuchen, stehen vor miserablen Schulerfolgen: Dorothy besitzt weder ein eigenes Schulbuch noch einen Bleistift und sie tut sich schwer, die französische Unterrichtssprache zu verstehen. 

Dennoch wäre es ein Fehler, die Demokratische Republik Kongo als Entwicklungsversagen abzuschreiben. Seit dem Ende eines verheerenden, fünf Jahre währenden Krieges im Jahr 2003 hat das Land deutliche Fortschritte erzielt. Obwohl zwei Drittel der Bevölkerung nach wie vor mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, sind Armut und Kindersterblichkeit zurückgegangen, während Impf- und Einschulungsraten steigen. 

Überdies verfügt die Demokratische Republik Kongo über immenses, bisher ungenütztes wirtschaftliches Potenzial. Das Land beherbergt über die Hälfte der weltweit bekannten Kobaltreserven (ein Schlüsselbestandteil in Computerchips und Lithium-Ionen-Akkus) sowie etwa 80 Prozent der weltweiten Coltan-Vorkommen (ein hitzebeständiges Metall, das in Mobiltelefonen und anderen Geräten zum Einsatz kommt). Außerdem ist das Land ein wichtiger Produzent von Kupfer, Gold, Zinn, Wolfram und Diamanten. In Kombination mit fruchtbaren Böden und einem der weltweit größten Potenziale für Wasserkraft sollte die Demokratische Republik Kongo eigentlich ein wirtschaftliches Zentrum der Region, wenn nicht gar des Kontinents sein. 

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Wie ist diese Diskrepanz zwischen dem enormen wirtschaftlichen Potenzial des Landes und dem Zustand seiner Kinder zu erklären? Zunächst einmal hat es die Regierung versäumt, ein Steuersystem zu schaffen, mit dem Ressourcen für öffentliche Investitionen in Gesundheit und Bildung mobilisiert werden. Tatsächlich weist die Demokratische Republik Kongo eine der weltweit niedrigsten Einnahmenquoten auf, wobei ausländische Akteure und lokale Interessensgruppen das Land effektiv plündern.  

In seinem Roman Herz der Finsternis, dessen Handlung im Kongo spielt, schreibt Joseph Conrad über Vorgänge, die er später als „die widerlichste Jagd nach Beute, die je die Geschichte des menschlichen Gewissens verunstaltet hat” bezeichnete. Doch selbst Conrad wäre angesichts der Marktlagengewinne und der niedrigen Steuersätze entsetzt gewesen, die sich ausländische Bergbauinvestoren in den letzten zehn Jahren sichern konnten. 

Sowohl der Internationale Währungsfonds als auch die Weltbank kritisieren die exzessive Großzügigkeit der Vereinbarungen mit ausländischen Bergbauinvestoren, obwohl sie sie selbst konzipiert und vorangetrieben haben. Das US-Finanzministerium beschuldigte einen ausländischen Investor, mittels „undurchsichtiger und korrupter“ Deals 1,3 Milliarden Dollar an Gewinnen eingestreift zu haben – mehr als das Fünffache der staatlichen Gesundheitsfinanzierung in der Demokratischen Republik Kongo.  

Der Mangel an staatlichen Einnahmen spiegelt sich direkt in zu geringen Investitionen in öffentliche Dienstleistungen wider. Eltern, die ein an Malaria erkranktes Kind behandeln lassen möchten oder einen Platz für das Kind in der Schule suchen, müssen das aus eigener Tasche bezahlen - für viele ein Ding der Unmöglichkeit. So überfüllt die Klassenzimmer der Grundschule in Rubaya auch sind: jedes Kind, mit dem ich sprach, hatte ein Geschwisterkind, das keine Schule besucht, weil deren Familien sich die Schulgebühren in der Höhe von rund 10 Dollar pro Semester nicht leisten können.

Politische Turbulenzen haben die Entwicklungsbemühungen weiter untergraben. Die Wahl, die Präsident Joseph Kabila für 2016 in Aussicht gestellt hatte, wurden nun auf Dezember 2018 verschoben – eine Verzögerung, die die Missstände verschärft und die Gewalt anheizt.  

Letztes Jahr waren etwa zwei Millionen Menschen in der Demokratischen Republik Kongo gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, die Hälfte davon in der zuvor friedlichen Provinz Kasai. Die Gesamtzahl der Binnenvertriebenen beträgt mittlerweile 4,5 Millionen Menschen – höher ist sie derzeit nur in Syrien – während 750.000 Menschen in Nachbarländer flohen.  Vertriebene und Flüchtlinge leben in aussichtsloser Situation ohne angemessene Unterkunft, Ernährung und Gesundheitsversorgung und sie haben praktisch keinen Zugang zu Bildung.

Die Steigerung der Produktivität und die Schaffung von Arbeitsplätzen für die mehr als 1,5 Millionen Arbeitnehmer, die jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt kommen, sind von zentraler Bedeutung, um die Demokratische Republik Kongo auf einen anderen, hoffnungsvolleren Kurs zu bringen. Vor allem Bildung ist ausschlaggebend. Jedes zusätzliche Schuljahr bedeutet eine Steigerung des Einkommens um 9 Prozent. Erweiterte Bildungsmöglichkeiten würden somit einen großen Beitrag zur Verringerung der Armut leisten, zumal fast die Hälfte der Bevölkerung der Demokratischen Republik Kongo unter 15 Jahre alt ist. Ein verbesserter Zugang zu Bildung muss jedoch mit Strategien zur Bekämpfung der Unterernährung und des schlechten Gesundheitszustandes der Kinder einhergehen.

Bildung für alle und eine universelle Gesundheitsversorgung sind der Schlüssel für eine bessere Zukunft für die Kinder der Demokratischen Republik Kongo. Um entsprechende Fortschritte zu erzielen, muss die nächste Regierung dringend Maßnahmen zum Aufbau einer Steuerbasis ergreifen. Wenn man nicht heuer in effektiver Weise auf die eskalierende humanitäre Krise der Demokratischen Republik Kongo reagiert, wird das Ausmaß des Leidens immens sein - und das nicht nur in diesem Land. Den Nachbarländern ist nur allzu bewusst, dass die Vorgänge in der Demokratischen Republik Kongo oftmals auch grenzüberschreitende Auswirkungen haben.

Ein für diese Woche in Genf geplanter Notfallgipfel bietet den Gebern die Gelegenheit, das Schlimmste abzuwenden, indem sie die 1,7 Milliarden Dollar bereitstellen, die nach Schätzungen der Vereinten Nationen erforderlich sind, um wirksame Maßnahmen zu finanzieren. Dazu müssen die Geber ihre kurzsichtigen und unrichtigen Vorstellungen von der Demokratischen Republik Kongo als hoffnungslosen Fall aufgeben und stattdessen dem Land helfen, eine Zukunft aufzubauen, die seine Kinder verdienen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/ZuPjYfV/de;

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