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Demokratie unter Druck

Hat bei unserer demokratischen Entwicklung eine Gezeitenwende eingesetzt? Vor kaum einem Jahrzehnt sprachen die Menschen vom Ende der Geschichte, vom endgültigen, unaufhaltbaren Triumph der freien Märkte und der Demokratie. Nun allerdings scheint sich die öffentliche Meinung in einer Reihe von Ländern gegen die Demokratie zu wenden, meint der frühere polnische Außenminister Bronislaw Geremek und schlägt Wege vor, wie dieser Trend umgekehrt werden könnte.

Acht der Länder, die im Mai 2004 der Europäischen Union beitreten werden, wurden bis vor kurzem von totalitären Regimen regiert und durch eine andere Nation versklavt. Die Rückkehr von Regierungen, die auf dem Mehrheitswillen der Bürger beruhten, schien in diesen Ländern über Jahrzehnte hinweg ein unerfüllbarer Traum, ähnlich, wie er dies heute für die Bürger im von einer Militärjunta beherrschten Burma ist.

Die Demokratie kann unzweifelhaft weltweite Erfolge aufweisen. Um so überraschender ist es deshalb, dass der Rückhalt der Demokratie fast überall bröckelt. Das Pew Global Attitudes Project des Jahres 2003 zeigt Länder auf, in denen sich nur ein geringer Bevölkerungsanteil der Bedeutung von Wahlen bewusst ist: 28 % in Jordanien, 37 % in Russland, 40 % in Indonesien.

Vor die Wahl gestellt zwischen einer demokratischen Regierung und einem starken Führer, entscheiden sich 70 % aller Russen, 67 % aller Ukrainer und 44 % aller Polen und Bulgaren für Letzteren. (Eine solche Haltung ist besonders unter den Angehörigen der untersten Einkommensstufen verbreitet). In Lateinamerika ist der Rückhalt, den die Demokratie genießt, einzig in Venezuela unzweifelbar dominant (79 %). In anderen lateinamerikanischen Staaten bevorzugt entweder die Mehrheit oder eine knappe Minderheit einen starken Führer gegenüber einer Demokratie.