mazzucato24_Peter MacdiarmidGetty Images_bbc Peter Macdiarmid/Getty Images

Die Finanzierung der BBC muss bleiben

LONDON – Im Rahmen der Reith Lectures 2020 ‒ der jährlichen Radio-Vortragsreihe der BBC ‒ bemerkt der ehemalige Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, dass Normen und Institutionen seit der Finanzkrise 2008 zunehmend über ihren monetären Wert definiert werden. Was in dieser Diskussion über die Verwechslung des Preises mit dem Wert oft fehlt, ist die Frage, wie man den tatsächlichen Wert der öffentlichen Institutionen, die uns bereichern, erfassen kann.

Es ist passend, dass Carney diese Bemerkung in einer BBC-Sendung macht. Schließlich war die BBC die erste öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die den Gedanken des „Public Value“, also des gesellschaftlichen Mehrwerts öffentlicher Leistungen, in ihre Struktur, Strategie und Vision aufgenommen hat. Die British Broadcasting Company ist neben dem Gesundheitsdienst National Health Service und der Open University zu einer der beliebtesten und weltweit renommiertesten Institutionen des Vereinigten Königreichs geworden und erreicht mit ihrem Programm jede Woche rund 460 Millionen Menschen.

Doch eine lautstarke Minderheit (oft angeführt von Publikationen im Besitz von Rupert Murdoch) möchte den Sender zerstört sehen. Sie verunglimpfen das Engagement der BBC für Inklusion und Vielfalt als politische Korrektheit und beschuldigen die BBC, aufgrund des Umfangs und der Reichweite ihrer Dienste private Medienunternehmen zu „verdrängen“. Ihrer Ansicht nach ist es Aufgabe des privaten Sektors, Werte zu schaffen; der Staat sollte sich lediglich darauf konzentrieren, die verbleibenden Lücken zu füllen und das in Ordnung zu bringen, was Ökonomen „Marktversagen“ nennen.

Für diese Kritiker ist die Lösung einfach: der BBC die Finanzierungsgrundlage entziehen. Das würde bedeuten, wer die Zahlung der bislang obligatorischen jährlichen Lizenzgebühr verweigert, durch die sich die BBC finanziert, würde juristisch nicht mehr verfolgt. Eine BBC, die auf ein freiwilliges Abonnementmodell angewiesen ist, hat jedoch eine weitaus unsichere Zukunft, was die Gegner der BBC möglicherweise beabsichtigen, da Murdoch inzwischen versucht, eine britische Version seines rechtsextremen Senders Fox News in den Vereinigten Staaten aufzubauen.

Eine geschwächte oder zerstörte BBC wäre ein Verlust für das Vereinigte Königreich, wie meine Mitautoren und ich in einem aktuellen Bericht zeigen. Der Wert der BBC geht über den traditionellen Auftrag des öffentlichen Rundfunks hinaus, den universellen Zugang zu objektiven Nachrichten, glaubwürdigen Programmen und Kunst und Kultur zu gewährleisten, auf den der öffentlich-rechtliche Public Broadcasting Service in den USA beschränkt ist. Die BBC war auch bei kommerziellen Formaten wegweisend und hat auf diese Weise neue Geschäftsmöglichkeiten geschaffen – und damit privatwirtschaftliche Investitionen stimuliert (und nicht verdrängt) – und gleichzeitig wichtige gesellschaftliche Ziele erreicht, wie etwa Vielfalt auf den Bildschirm zu bringen.

Um zu verstehen, wie die BBC dies erreicht hat, müssen wir unser Verständnis des Staates als kollektiven Wertschöpfer zu neuem Leben erwecken, und seine Rolle nicht auf die Stabilisierung der Märkte beschränken. Indem sie gleichzeitig als Investor, Erfinder, Innovator und Konsumentenplattform agiert, hat die Rundfunkanstalt im letzten Jahrhundert eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der britischen Infrastruktur für digitale und mediale Innovationen gespielt.

Subscribe to Project Syndicate
Bundle2021_web4

Subscribe to Project Syndicate

Enjoy unlimited access to the ideas and opinions of the world's leading thinkers, including weekly long reads, book reviews, and interviews; The Year Ahead annual print magazine; the complete PS archive; and more – All for less than $9 a month.

Subscribe Now

Angefangen bei frühen Radiosendungen bis hin zu den heutigen Online-Streaming-Plattformen haben die Investitionen der BBC immer wieder den Anstoß für neue Märkte in der Kreativbranche gegeben. Die BBC ist der größte Einzelinvestor in britische Originalinhalte. Ihre Kreativkräfte gehen Risiken bei der Programmgestaltung ein. Der weltweite Verkauf ihrer Originalinhalte verhilft ihr zu beträchtlichen Einnahmen, während sie gleichzeitig britische Talente zur Geltung bringt und ausländische Spitzentalente anzieht. All diese Aktivitäten gestalten Märkte überall. Diese Einnahmen werden dann weiter für die Entwicklung, Produktion und Bereitstellung von Inhalten eingesetzt.

Über die Programmgestaltung hinaus hat die BBC innovative Technologien wie den iPlayer und BBC Sounds entwickelt und damit Technologiestandards für die Medienindustrie (wie DAB für Radio und DVB-T2 für Video) geschaffen und Größenvorteile für Elektronikhersteller ermöglicht. Die Forschung und Innovation durch die BBC tragen zur Entwicklung einer sichereren und nachhaltigeren Internetumgebung bei, durch gemeinschaftliche Initiativen wie die Digital Futures Commission, die digitale Innovationen im Interesse von Kindern und Jugendlichen hervorbringen will, und das Databox-Projekt, das hohe Branchenstandards für Datenmanagement und Datenschutz setzt.

Entscheidend ist, dass die Investitionen der BBC oft mehr von sozialen Werten als von finanziellem Wert bestimmt waren. Der BBC Micro, ein Mikrocomputersystem, das seinen Weg in jedes britische Klassenzimmer fand, hat dazu beigetragen, die digitale Kluft zu verringern. Der Micro ist aus einem Technologiebildungsprogramm, dem BBC Computer Literacy Project, in den 1980er-Jahren hervorgegangen. Um dieses Projekt zu ermöglichen, musste die BBC mit der britischen Firma Acorn Computers zusammenarbeiten, das die Investitionen der BBC nutzte, um sich erheblich zu vergrößern. Die gesellschaftliche Mission der BBC hat im Gegenzug einen Mehrwert für die Industrie geschaffen.

Selbst die grundlegendste Aufgabe der BBC – das Erstellen und Verbreiten von Inhalten – bietet weitreichende gesellschaftliche Vorteile. Als die Menschen während der Pandemie zu Hause bleiben mussten, hat die BBC jeden Tag drei Stunden Bildungs- und Unterhaltungsinhalte angeboten. Darüber hinaus wirken das öffentliche Vertrauen in die BBC und ihre Reichweite Trends der Fehlinformation entgegen, sei es über den Klimawandel oder Covid-19-Impfstoffe. Die Aufrechterhaltung der Reichweite der BBC, die ein Zweck ihrer Finanzierung ist, sichert ihre Position als legitime Quelle in einem umkämpften Medienmarkt, der großes Vertrauen entgegengebracht wird. Und die von Kritikern bemängelte „Wokeness“ – zu der es beispielsweise gehört, Sportmoderatorinnen eine Plattform zu bieten – trägt zu einem kulturellen Klima der größeren Inklusivität und Toleranz bei.

Der „dynamische Public Value“ der BBC ist zwar schwer zu messen, aber wir wissen, dass die Wirtschaft für jeden Dollar aus dem öffentlichen Haushalt, der in das kulturelle Schaffen investiert wird, um durchschnittlich fünf Dollar wächst. In der Autoindustrie ist der Multiplikatoreffekt nur halb so groß, nicht nur, weil sie weniger arbeitsintensiv ist, sondern auch, weil sie nicht annähernd so viele neue Investitionen in andere Dienstleistungen, Technologien und Materialien anregt. Auch hier zeigt sich, dass die BBC sehr effektiv finanziellen Wert schafft und antreibt, obwohl sie ihn nicht in den Mittelpunkt stellt.

Um die Beiträge der BBC zur gesamten Wirtschaft – und das Konzept des Public Value im weiteren Sinne – zu verstehen, ist ein neuer Bezugsrahmen notwendig. Die Aufgabe besteht darin, Metriken zu entwickeln, die die Verantwortlichkeit der BBC selbst stärken – um sicherzustellen, dass sie die Grenzen der Märkte verschiebt und die notwendige Vielfalt sowohl der Programmgestaltung als auch der mit ihr verbundenen Anbieter erhöht. Wir müssen die traditionellen Leistungsindikatoren überdenken, die sich auf statische Kosten und Nutzen konzentrieren, statt auf die dynamischen Auswirkungen von marktgestaltenden Investitionsentscheidungen. Und das muss dringend geschehen, bevor eine geschätzte Institution zerstört wird.

Was wir daraus lernen können, geht über die BBC hinaus. Nur wenn wir die Generierung von Public Value neu denken, können wir Debatten darüber, ob öffentliche Institutionen finanziert werden sollen hinter uns lassen und zu Diskussionen übergehen, wie wir diese Institutionen strukturieren und nutzen können, um unser soziales Gefüge zu stärken und eine kreativere Wirtschaft aufzubauen. Die BBC ist ein hervorragender Ausgangspunkt für diese Diskussion. Die Lehren, die wir daraus ziehen können, setzen bei den Kernfragen an: Was verstehen wir unter dem Wert unserer öffentlichen Institutionen und warum schätzen wir sie, und wie können wir sie stärken, anstatt immer wieder ihre Existenz in Frage zu stellen?

Aus dem Englischen von Sandra Pontow

https://prosyn.org/pRflyWade