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Das Ende der Weltnaturerbe-Stätten

SAN FRANCISCO, KALIFORNIEN – Der Klimawandel hat ein weiteres Opfer gefordert. Beinahe ein Viertel der Korallen im Weltnaturerbe-Bereich des australischen Great Barrier Reefs – eines der prächtigsten und komplexesten Ökosysteme der Welt – ist dieses Jahr an der schlimmsten jemals dokumentierten Massen-Korallenbleiche zugrunde gegangen. Selbst in den weit nördlich gelegenen Ausläufern des Riffs, die sich in ausreichender Entfernung von menschlichen Aktivitäten wie Küstenentwicklung befinden und wo es möglich sein sollte,  die Gesundheit der Korallen größtenteils zu erhalten, starben unglaubliche 50 Prozent der Korallen ab.  

Die überdurchschnittlich hohen Meerestemperaturen, die eine derartige Bleiche auslösen, sind durch den Klimawandel 175-mal wahrscheinlicher geworden. Da der Ozean weiterhin Wärme aus der Atmosphäre aufnimmt, werden Korallenbleichen von der Art wie sie die Bestände im Great Barrier Reef dezimierten, wohl noch häufiger und in verheerenderem Maße auftreten -  von anderen, durch steigende Temperaturen verursachte zerstörerische Phänomene ganz zu schweigen.

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Die Zukunft dieser unschätzbar wertvollen Welterbe-Stätten – und eigentlich unseres ganzen Planeten – hängt von der unmittelbaren Verringerung der für den Klimawandel verantwortlichen Treibhausgasemissionen ab. Allerdings versagen viele der für den Schutz dieser Weltnaturerbe-Stätten innerhalb ihrer Landesgrenzen zuständigen Regierungen nicht nur, wenn es darum geht, entschlossene Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen. Vielmehr verfolgen sie auch noch aktiv schmutzige Energieprojekte wie die Errichtung von Kohlebergwerken und Kohlekraftwerken.

Selbst nun, da das Great Barrier Reef vor unseren Augen stirbt, setzt Australien weiterhin auf die verstärkte Ausbeutung schmutziger fossiler Brennstoffe. Im letzten Jahr genehmigte die australische Regierung sowohl das gewaltige Kohlebergwerk Carmichael als auch den in der Nähe des Riffs gelegenen Terminal Abbot Point, von dem aus der weltweite Export der Produktion aus der Carmichael-Mine bewerkstelligt werden soll. Die Emissionen aus dem Carmichael-Kohlebergwerk werden zu den weltweit höchsten aus einem Einzelprojekt stammenden Emissionen zählen.  

Aber das Problem ist nicht auf Australien beschränkt. In tief gelegenen Regionen Bangladeschs, eines der aufgrund des Klimawandels am stärksten gefährdeten Länder, unterstützt die Regierung Pläne für zwei riesige Kohlekraftwerke in der Nähe des Weltnaturerbes der Sundarbans. Auch Indien steht hinter diesen Plänen.

Diese Kraftwerke werden nicht nur enorme Mengen an Treibhausgasen ausstoßen, sondern auch die Sundarbans verwüsten. Dabei handelt es sich um ein spektakuläres Delta aus Mangroveninseln an der Mündung des Ganges und anderer Flüsse in den Golf von Bengalen, wo bedrohte Tierarten wie Königstiger oder Flussdelfine heimisch sind. Die Kraftwerke werden die Gewässer mit giftiger Kohleasche verschmutzen, ständigen Schiffsverkehr mit sich bringen und auch das Ausbaggern diverser Flussbette erforderlich machen. Quecksilber aus den Schornsteinen wird sich in der Unterwasserwelt ansammeln und damit die Nahrung hunderttausender Menschen und gefährdeter Wildtiere dauerhaft kontaminieren.

Es trifft zu, dass Bangladesch ein energiearmes Land ist und dieses Problem muss auch gelöst werden, wenn sich das Land wirtschaftlich weiter entwickeln soll. Aber es bestehen Alternativen. Das Land verfügt über erhebliches Potential in der Produktion erneuerbarer Energien und es ist auch bereits Weltführer im Bereich Solarstrom aus Dachanlagen.

Für die Abwendung des gefährlichen anthropogenen Klimawandels sind natürlich nicht nur Länder verantwortlich, in denen sich Stätten des Weltnaturerbes befinden. Aber nach heutigem Wissensstand ist es unvertretbar, derartig schädigende und schmutzige Energieprojekte ins Leben zu rufen.

Da die Regierungen beim Schutz unseres Naturerbes versagen, liegt es an der Welterbe-Kommission aktiv zu werden, um dabei zu helfen, der unerbittlichen Ausbeutung von fossilen Brennstoffen ein Ende zu setzen. Insbesondere gilt es für die Kommission Empfehlungen an Regierungen auszusprechen, um Bedrohungen im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen zu verringern, besonders gefährdete Orte zu ermitteln und Überwachungsmissionen durchzuführen. 

Vorrangiges Ziel sollte sein, jene Regierungen zu Maßnahmen aufzurufen, die über Möglichkeiten verfügen, die Bedrohungen durch fossile Brennstoffe für bestimmte Orte zu verringern. Derartige Maßnahmen der Welterbe-Kommission würden auch dazu beitragen, die Zivilgesellschaft zu informieren und zu bestärken sowie gleichzeitig Druck auf Finanzinstitutionen auszuüben, die für derart umfangreiche Entwicklungsprojekte notwendigen Finanzierungen zurückzuhalten.

Die jährlichen Konferenzen der Welterbe-Kommission – wie jene soeben in Istanbul zu Ende gegangene Veranstaltung – sind das ideale Forum für derartige Bemühungen. Dutzende Organisationen und über 60.000 Einzelpersonen haben die Kommission aufgefordert, dringend an Indien und Bangladesch zu appellieren, die Pläne für die Kohlekraftwerke rückgängig zu machen und stattdessen in erneuerbare Energien zu investieren. In ähnlicher Weise forderten Dutzende renommierte Wissenschaftler, Nichtregierungsorganisationen und internationale sowie australische Anwälte, die Welterbe-Kommission möge Australien raten, jenen Aktivitäten ihre Unterstützung zu entziehen, die die Auswirkungen des Klimawandels auf das Great Barrier Reef verschärfen.

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Da die Gefahren aufgrund des Klimawandels zunehmend bedrohliche Ausmaße annehmen, müssen einflussreiche Institutionen wie die Welterbe-Kommission dem toxischen und heimtückischen Vermächtnis der Abhängigkeit von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen entgegentreten. Schweigt die Kommission zu diesem entscheidenden Thema weiterhin, werden die Welterbe-Stätten auf der ganzen Welt darunter leiden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier