mueller24_Yegor AleyevTASS via Getty Images_newspaperrussiavillagerural Yegor Aleyev/TASS via Getty Images

Wo sind die lokalen Nachrichten über Covid-19?

PRINCETON – Während einer Pandemie können akkurate Informationen über Leben und Tod entscheiden. Die Menschen brauchen zuverlässige Berichte über die Auswirkungen der Krankheit und die Bedrohung, die sie für ihre Stadt, Gemeinde oder Nachbarschaft darstellt. Die unmittelbare Sorge der meisten Bürger besteht nicht darin, ob sich ihr Land insgesamt auf dem richtigen Weg befindet, sondern ob ihr Lebensmittelgeschäft vor Ort angemessene Hygiene praktiziert und Maßnahmen zur Kontaktvermeidung durchsetzt.

Es ist eine der vielen Tragödien der Covid-19-Pandemie, dass sie in einer Zeit um sich greift, in der die lokalen Medien in vielen Ländern dezimiert wurden und autoritäre Regierungschefs wie US-Präsident Donald Trump, der ungarische Premierminister Viktor Orbán und der indische Premierminister Narendra Modi mit allen Mitteln Krieg gegen unabhängigen Journalismus führen. Auf einer kürzlich abgehaltenen Pressekonferenz beschuldigte Trump einen Reporter, „Fake News“ zu verbreiten, und schlug anschließend vor, dass die Injektion von Desinfektionsmitteln gegen das Coronavirus wirksam sein könnte.

Der Kern des Problems besteht darin, dass vor allem die Lokalnachrichten durch eine umfassendere Umstrukturierung der Wirtschaft in den letzten zwei Jahrzehnten großen Schaden genommen haben. Historisch betrachtet haben Werbeeinnahmen seriösen Journalismus aufrechterhalten. Wie Clay Shirky von der New York University in einem Kommentar von 2009 hervorhob, mag die Einzelhandelskette Walmart Interesse an Nachrichten aus dem Irak gehabt haben oder auch nicht, aber Mittel aus ihrem Werbeetat flossen gleichwohl in die Bagdader Auslandsniederlassungen von Zeitungen.

Als digitale Plattformen wie Google und Facebook begannen, die Werbeeinnahmen zu verschlingen, die zuvor direkt an Nachrichtenorganisationen geflossen waren, bekamen lokale Redaktionen die Folgen als erste zu spüren. Die Zahl der Mitarbeiter wurde drastisch reduziert. Einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Brookings Institution zufolge ist seit 2004 jede fünfte lokale US-Zeitung verschwunden, sodass fünf Millionen Amerikaner überhaupt keine Lokalzeitung mehr haben und 60 Millionen weitere nur noch Zugang zu einer einzigen.

Die Entstehung solcher „Nachrichtenwüsten“ hat tiefgreifende politische Auswirkungen nach sich gezogen. Wenn es keine Journalisten gibt, die über Sitzungen im Stadtrat und die Vergabe öffentlicher Aufträge berichten, kann Korruption um sich greifen. Auch weil niemand davon erfährt, lässt das politische Interesse nach. Daher wird die Schließung von Lokalzeitungen mit einer geringeren Wahlbeteiligung, weniger Kandidaten, die sich um ein Amt bewerben und mehr Amtsinhabern, die nicht abgelöst werden in Verbindung gebracht. Dieselben Trends untergraben auch die Repräsentation der Bürger auf nationaler Ebene, denn lokale und regionale Zeitungen können es sich nicht leisten, einen Korrespondenten in der Hauptstadt zu behalten, der über die Aktivitäten ihrer Abgeordneten im Kongress oder im Parlament berichtet.

Weniger offensichtlich hat der Niedergang der Lokalnachrichten die verhängnisvolle Polarisierung verstärkt, die wir in einer Reihe von Demokratien beobachten. Wenn es um lokale Fragen geht, sind Bürger in derselben Gemeinde oder Nachbarschaft im Allgemeinen recht gut darin, Probleme zu diagnostizieren und praktische Lösungen zu finden. Doch das Vakuum, das die verschwundene lokale Berichterstattung hinterlassen hat, wurde durch nationale Nachrichten gefüllt, die eher auf Kulturkriege, in denen niemand gewinnt und niemand verliert und verbale Angriffe unter Parteipolitikern ausgerichtet sind.

Subscribe to Project Syndicate
Bundle2020_web_beyondthetechlash

Subscribe to Project Syndicate

Enjoy unlimited access to the ideas and opinions of the world's leading thinkers, including weekly long reads, book reviews, and interviews; The Year Ahead annual print magazine; the complete PS archive; and more – all for less than $2 a week.

Subscribe Now

In Ungarn, der Türkei und anderen Ländern, in denen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit systematisch demontiert werden, haben einige relativ unabhängige nationale Zeitungen und Webseiten überlebt. Perverserweise können solche Organe jedoch zum Feigenblatt für Regime werden, die wegen ihrer Angriffe auf die Pressefreiheit international kritisiert werden, während regimefreundliche Medien auf lokaler Ebene oft ein Monopol genießen. Im ländlichen Ungarn ist die Situation so schlimm geworden, dass das US-Außenministerium versucht hat, die unabhängige Berichterstattung dort mit Subventionen zu unterstützen.

Schließlich verläuft das Schicksal der lokalen Zeitungen nicht unbedingt parallel zu dem der überregionalen Presse. In den USA haben die großen Leitmedien seit der Präsidentschaftswahl 2016 vom sogenannten „Trump Bump“ profitiert ‒ sie konnte ihre Auflage deutlich steigern. Die Covid-19-Krise könnte die Bürger zwar theoretisch dazu bringen, die existenzielle Bedeutung akkurater Informationen über ihre unmittelbare Umgebung zu erkennen, doch ein Schub für Lokalnachrichten lässt noch auf sich warten.

Was kann getan werden? Eine Lösung besteht darin, die Big-Tech-Unternehmen, die das Geschäftsmodell der Lokalnachrichten zerstört haben, zu besteuern und die Gelder dann an lokale Redaktionen umzuverteilen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, eine kartellrechtliche Ausnahmeregelung zu erlassen, damit Zeitungen kollektiv mit digitalen Plattformen verhandeln können. Die Medien, die die tatsächlichen Fakten und Informationen liefern, die in einer Google-Suche auftauchen, sollten entsprechend vergütet werden. Australien, die Europäische Union und mehrere einzelne europäische Länder haben sich bereits in diese Richtung bewegt, und in den USA ist eine ähnliche Gesetzgebung in Vorbereitung.

In den letzten Jahren kam es zudem zu einem Aufblühen erfolgreicher Non-Profit-Nachrichtenagenturen, von denen viele einen lokalen Schwerpunkt haben. Nun besteht allerdings die Gefahr, dass solche Institutionen von irgendeinem milliardenschweren Philanthropen abhängig werden könnten, so dass sie der Willkür einer Person ausgeliefert sind. Die französische Sozialwissenschaftlerin Julia Cagé hat eine geniale Lösung vorgeschlagen: Einfache Bürger, die eine akkurate Berichterstattung schätzen, könnten ihre Ressourcen zusammenlegen, um sich eine Mehrheitsbeteiligung an den erfolgreichsten Medien-Non-Profits zu sichern.

Es kann in Ordnung sein, dass solche gemeinnützigen Medien eine Agenda haben. Letztlich schließen sich Unterstützer, genau wie bei politischen Parteien, Organisationen an, weil diese auf die eine oder andere Weise ihre Werte widerspiegeln. Eine Agenda zu haben – etwa soziale Ungerechtigkeiten recherchieren – ist mit der Verpflichtung zu höchsten journalistischen Standards vereinbar. Was zählt ist Genauigkeit, (idealerweise) Zugänglichkeit und Rechenschaftspflicht. Wie die Philosophin Onora O'Neill erklärt, brauchen wahrheitssuchende Medien „interne Disziplin und Standards, um sie einschätzbar zu machen“. Der Leserkreis sollte in der Lage sein zu verstehen, wer eine Redaktion finanziert, was ihre redaktionellen Entscheidungen leitet und wie die jeweiligen Berichte entstehen.

Das Problem bei vielen rechten Medien besteht heutzutage nicht unbedingt darin, dass sie eine Agenda verfolgen, sondern dass diese Agenda versteckt ist und die bloße Meinung als professionelle Nachrichten präsentiert wird. Ein besonders ungeheuerliches Beispiel ist der US-„Nachrichtensender“ Fox News, der zu Beginn dieses Frühjahrs eifrig gefährliche Desinformationen über das Coronavirus verbreitete, was einige seiner überwiegend älteren Zuschauer das Leben gekostet haben dürfte.

Die Covid-19-Krise hat uns daran erinnert, dass Journalisten systemrelevante Arbeitskräfte sind. Viele nationale Medien werden wahrscheinlich überleben (tatsächlich profitieren einige bereits von staatlicher Soforthilfe). Aber der Lokaljournalismus war bereits vor der Krise in schlechter Verfassung, und das öffentliche Gut, das er bereitstellt, wird tendenziell weniger geschätzt. Um unserer körperlichen Gesundheit und der unserer Demokratien willen müssen wir ihn dringend unterstützen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow

https://prosyn.org/6P0Fvbcde