6

Eine Interessengruppe von Dummköpfen

CONCORD, MASSACHUSETTS – Stellen Sie sich vor, eine Interessengruppe versucht, die Öffentlichkeit vor einer wahrgenommenen Gefahr zu warnen. Allerdings stellt sich heraus, dass die Gefahr nicht real ist, und durch die Verbreitung ihrer Angst löst diese Gruppe bei Menschen ein Verhalten aus, das die Öffentlichkeit – und Sie – gefährdet. Was würden Sie tun? Was sollte die Regierung tun?

Die Regierung von Australien hat diese Frage auf dramatische Weise beantwortet. Sie hat einer Interessengruppe gegen Impfungen den Status der Steuerbefreiung aberkannt. Die Begründung war, Angst auslösende Desinformation der Gruppe über die Gefahren von Impfungen bedrohe die öffentliche Gesundheit, insbesondere die von Kindern.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Außerdem musste die Gruppe ihren Namen von „Australian Vaccination Network“ in „Australian Vaccination-Skeptics Network“ ändern, um ihre Interessen klarer darzustellen. Der Minister für fairen Handel von New South Wales, Stuart Ayres, sagte: „Wir werden weiterhin sicher stellen, dass sie sich als eine Interessengruppe gegen Impfungen darstellen.“ „Und wir sorgen dafür, dass sie nie wieder irreführende Informationen verbreiten.“

Dies ist natürlich gefährliches Territorium. Obwohl es keinen Zweifel gibt, dass Impfungen nicht so schädlich sind, wie ihre Gegner stur behaupten, ist jeder Versuch einer Regierung, die Meinungsfreiheit zu beschränken, Grund zur Sorge. Keine freie Gesellschaft sollte ihrer Regierung erlauben zu entscheiden, ob eine Interessengruppe ihrem Glauben Ausdruck verleihen darf.

Aber in diesem Fall war die Aktion der australischen Behörden eine völlig angemessene und wichtige öffentliche Dienstleistung: der Schutz öffentlicher Gesundheit und Sicherheit auf der Grundlage fundierter und schlüssiger medizinischer Beweise.

Die Behauptungen der Impfgegner, Impfungen bei Kindern würden Autismus und andere Arten langfristiger neurologischer Entwicklungsschäden hervorrufen, werden durch diese Beweise eindeutig widerlegt. Und trotzdem verbreitet eine kleine, aber laute Gruppe von Panikmachern und eigennützigen Profiteuren weiterhin verzerrte Ansichten und Lügen darüber, dass Impfungen mehr schaden als nützen.

Als Ergebnis gehen die Impfquoten in einigen Gesellschaftsschichten zurück, insbesondere in solchen mit hohen Anteilen regierungsfeindlicher Libertärer oder naturverbundener Umweltschützer. Und so ist in manchen Gegenden die gesellschaftsweite „Herd“-Immunität gegen Krankheiten wie Masern und Keuchhusten unter das Niveau gefallen, das eine Ausbreitung unter der Gesamtbevölkerung verhindert. Immer mehr Erwachsene, bei denen der Impfstoff nicht mehr wirkt oder nicht völlig effektiv ist, werden krank. Auch Kleinkinder, die für eine Keuchhustenimpfung zu jung sind, werden krank.. Manche von ihnen husten sich buchstäblich zu Tode.

Also ist die Entscheidung der australischen Regierung völlig gerechtfertigt. Immerhin besteht eine zentrale Aufgabe der von uns eingesetzten Regierung darin, uns vor Bedrohungen zu schützen, gegen die wir, auf uns allein gestellt, machtlos sind. Wenn wie bei Impfungen die Beweislage so klar ist und die Folgen so schwerwiegend sind, hat die Regierung die berechtigte Autorität – und sogar Verpflichtung – im Namen der öffentlichen Sicherheit zu handeln.

Aber Impfung ist nur ein Beispiel dafür, wie Interessengruppen manchmal die Öffentlichkeit bedrohen, indem sie wissenschaftliche Beweise ignorieren. Das ideologiegetriebene Leugnen der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung behindert die Versuche, klimaverändernde Emissionen zu verringern oder uns auf die immer offensichtlicheren – und gefährlichen – Folgen dieser enormen Bedrohung vorzubereiten. Absolutistische Gegner jeglicher Regulierung von Waffenbesitz erschweren es insbesondere in den Vereinigten Staaten, diejenigen, die die Gesellschaft bedrohen, am Erwerb tödlicher Waffen zu hindern.

Ein weiteres Beispiel ist der Widerstand gegen Biotechnologie, insbesondere gegen genetisch manipulierte Lebensmittel (GM). Manche ihrer Anwendungen könnten der menschlichen Gesundheit enormen Nutzen bringen, aber der Gesellschaft kommt dies nicht zugute. Menschen leiden und sterben, weil GM-Gegner Großunternehmen, kommerziellen Landbau oder moderne Technologien allgemein ablehnen und sich deshalb gegen jede Genmanipulation wehren.

Nehmen wir den „goldenen Reis“, eine GM-Hybride, die die Gene von Möhren verwendet, die Vitamin A produzieren. Eine neue Studie fand heraus, dass allein in Indien dieser Reis, wäre er dort seit seiner Einführung 2002 erlaubt gewesen, denjenigen 1,4 Millionen behinderungsangepasste Lebensjahre geschenkt hätte, die statt dessen aufgrund von Vitamin-A-Mangel erblindet oder gestorben sind.

Wenn Interessengruppen und ihre voreingenommen Ansichten klare wissenschaftliche Beweise leugnen und uns damit gefährden, ist es Zeit, sie zu stoppen. Wissenschaftler müssen an die Öffentlichkeit treten, wie es kürzlich in England geschah, wo Forscher eine neue Getreidesorte testeten und die GM-Gegner zu einer öffentlichen Debatte herausforderten. Die Gengegner lehnten ab, aber sabotierten weiterhin die Feldversuche, was zur Verringerung ihrer Unterstützung in der Öffentlichkeit führte.

Wir und unsere Mitbürger müssen zurück schlagen, indem wir entscheiden, welchen Gruppen wir beitreten oder welche wir finanziell fördern. Wir müssen zurück schlagen bei öffentlichen Anhörungen und Aussagen im Rahmen von Gesetzesänderungen, damit unsere Politiker und Entscheidungsträger nicht durch die lautesten Stimmen und ihre Ansichten beeinflusst werden, die sich gegen das Wohl der Allgemeinheit stellen. Und wenn die Beweise eindeutig und das Risiko offensichtlich ist, müssen Regierungen selbst aktiv werden, wie es in Australien geschah.

Fake news or real views Learn More

In jeder Demokratie müssen auch immer Gefühle und Werte zu Wort kommen. Wir brauchen die Leidenschaft von Interessengruppen aller Seiten, um unsere Gesellschaft voran zu bringen. Aber wenn sich diese Leidenschaft gegen Fakten richtet und uns in Gefahr bringt, ist es nur fair, wenn wir und unsere Regierungen im Namen der Volksgesundheit sagen: „Genug ist genug.“

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff