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Kriminelle Gene?

Können Gene eine Person für Verbrechen prädisponieren? Einige amerikanische Rechtsanwälte verwenden gegenwärtig solch eine „genetische Verteidigung” als mildernden Umstand für überführte Mörder. Gibt es Gene für Alkoholabhängigkeit? Oder Gene, die einen schwul, religiös, zu Scheidung neigend sein lassen; oder gar Gene, die unser Wahlverhalten bestimmen? Wenn man den Behauptungen einiger dieser Wissenschaftler Glauben schenken will, die sich selbst als „Verhaltens-Genetiker” bezeichnen, so sind zahlreiche Aspekte des menschlichen Verhaltens auf eine bestimmte Weise durch unsere Gene festgelegt.

Behauptungen dieser Art haben eine lange und verrufene Geschichte, die sich durch die Eugenik- Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts bis zu ihrem anerkannten „Vater” Francis Galton im viktorianischen England erstreckt. Doch worin auch immer die extravaganten Behauptungen und die sozialen Verbrechen der Eugenik-Bewegung bestanden – einschließlich der Zwangssterilisierung Tausender (vor allem Frauen) in Europa und den USA – wird heute angenommen, es sei anders. Heute werden die Behauptungen angeblich durch die Fortschritte in der wahren Molekularwissenschaft, der Genetik, gestützt.

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Selbstverständlich gibt es zahlreiche soziale Probleme innerhalb einer Familie; unsere Gesellschaften sind keineswegs egalitär; Menschen, die in Armut leben, neigen dazu, ihrerseits Kinder großzuziehen, die in Armut leben werden. Dies macht Armut jedoch trotzdem nicht zu einem genetischen Faktor. Dem entsprechend erben die Kinder reicher Eltern unter Umständen deren Reichtum, doch dies ist ein soziales und kein genetisches Erbe.

Den Einfluss der Gene und der Umwelt während des langen, komplexen Prozesses der menschlichen Entwicklung ausfindig zu machen ist schwierig. In der Tat ist es niemals möglich, von einem Individuum zu sagen, dass x% eines Aspektes seines Charakters genetisch, und y% durch die Umwelt bestimmt werden. Beide Faktoren sind untrennbar miteinander verknüpft über die vielen Jahre hinweg, während derer wir uns aus dem Rohmaterial der Gene und der Umwelt entwickeln.Worum nun Genetiker bemüht sind, ist ein Maß zu finden, das bestimmt, wieviel der Variationen einer bestimmten Eigenschaft innerhalb einer Population auf Gene zurückzuführen ist, und ob irgendwelche bestimmten Gene eine Rolle beim Entwickeln dieser Eigenschaft spielen.

Während dies bei Krankheiten möglich ist, bei denen die Diagnose verhältnismäßig eindeutig ist und bei denen nur ein einziges anormales Gen mit den Beschwerden zusammenhängt (die Huntington-Krankheit ist ein gutes Beispiel), ist es etwas ganz anderes, davon zu sprechen, ein bestimmtes Gen bewirke, dass ein Mensch kriminell oder alkoholabhängig werde. Gene tragen sicherlich dazu bei, unser Verhalten zu formen, doch wird dieses Verhalten maßgeblich durch den Prozess der Entwicklung, durch die Kultur und das soziale Umfeld, selbst durch die Technik herbeigeführt. Es ist unmöglich, von Genen zu sprechen, die einen komplexen Aspekt menschlicher Gedanken oder Handlungen „bestimmen“.

Nehmen wir zum Beispiel „Aggression“. Wir verwenden das Wort, um verschiedene Typen des Verhaltens zu bezeichnen. Wir sprechen von aggressiven Geschäftsmännern oder aggressiven chirurgischen Eingriffen in eher positiven Begriffen. Doch wir sprechen auch von aggressivem Verhalten von Männern ihren Partnerinnen oder Kindern gegenüber, von aggressiven Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans oder zwischen Polizei und Demonstranten. Wir sprechen auch vom Führen eines aggressiven Feldzuges. Haben alle diese Anzeichen die gleichen „Voraussetzungen“?

Komplizierte Sachverhalte, dieselben Handlungen, die dieselben Gene, Muskeln und so weiter mit einbeziehen, können manchmal als kriminelle Aggression und manchmal als Pflichterfüllung betrachtet werden. Nehmen Sie den Fall des britischen Soldaten Lee Clegg, der während seines Wehrdienstes in Nordirland auf einen Jugendlichen schoss und ihn tötete, dem es nicht gelungen ist, seinen Wagen an einer Sicherheitskontrolle anzuhalten . Clegg wurde des Mordes angeklagt, verurteilt und inhaftiert. Doch das Urteil wurde aufgehoben und die Armee hat Clegg wieder eingestellt – und befördert. War er also mit Genen für kriminelle Aggressionen ausgestattet, oder ist er ein guter Soldat? Wenn dieser „Aggressions-Phenotyp“ so schlecht definiert ist, wie können wir dann darauf hoffen, seine Genetik untersuchen zu können?

Leider hat das die Menschen nicht davon abgehalten, es zumindest zu versuchen. Veranschaulicht wird dies durch ein Forschungszeugnis, das von einem Team um Han Brunner 1993 in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde, und das eine niederländische Familie beschreibt, über deren männliche Mitglieder Berichte hinsichtlich ihrer anormalen Gewalttätigkeit vorlagen. Insbesondere acht Männer, die „in verschiedenen Teilen des Landes zu verschiedenen Zeiten über drei Generationen hinweg gelebt haben, wiesen einen anormalen ‚Verhaltens-Phenotyp’ auf.“ Die Arten des Verhaltens beinhalteten „aggressive Ausbrüche, Brandstiftung, versuchte Vergewaltigung und Exhibitionismus“. Können solche so unterschiedlichen Arten des Verhaltens wirklich unter der einzelne Überschrift Aggression zusammengefasst werden?

Solch eine Behauptung, sollte sie im Kontext einer Studie nicht-menschlichen Tierverhaltens gemacht werden, würde wissenschaftlichen Ansprüchen wahrscheinlich nicht genügen. Dennoch wurde Brunners Zeugnis in einer Zeitschrift veröffentlicht, die weltweit hohes Ansehen genießt, und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Viel Aufmerksamkeit wurde seinem Bericht geschenkt, jedes dieser „gewalttätigen“ Individuen hätte auch eine Mutation in der Gen-Kodierung für das Enzym Monoaminoxidase (MAOA) aufgewiesen. Konnte diese Mutation die „Ursache“ für die geschilderte Gewalttätigkeit darstellen?

Brunner hat später einen direkte Zusammenhang dementiert und sich von öffentlichen Behauptungen distanziert, seine Gruppe hätte ein „Gen für Aggression“ identifiziert. Trotzdem wird das Zeugnis häufig zitiert, und was in seinem Titel als „anormal“ bezeichnet wird, wurde auf einmal zu „aggressivem Verhalten“. So erschien zwei Jahre nach dem Brunner-Bericht unter der Überschrift „Aggressives Verhalten“ ein anderer Bericht in Science, das sich mit Mäusen befasst, denen das Enzym Monoaminoxidase A fehlt.

Die Autoren, in erster Linie eine französische Gruppe um Olivier Cases, beschrieb Mäusebabys, die „Zittern, Schwierigkeiten beim Aufrichten und Ängstlichkeit... verzweifeltes Herumrennen und Umfallen... (gestörten) Schlaf, eine Neigung zum Beißen der Beobachter... gekrümmte Haltung...“ aufwiesen. Aus allen diesen Eigenschaften eines gestörten Verhaltens griffen die Autoren jedoch nur die Aggression heraus und hoben sie im Titel ihres Berichtes hervor. Und sie entschieden sich, aus ihren Darstellungen die Schlussfolgerung zu ziehen, dass diese Ergebnisse „den Gedanken unterstützen, dass besonders aggressives Verhalten der wenigen Menschen, die unter einem Mangel an MAOA leiden, ... eine direktere Folge eines MAO-Defizits ist.“

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Solch eine Beweisführung wurde mit allen ihren Schwächen zum Teil des Arsenals, dessen sich beispielsweise die US Federal Violence Initiative bedient. Dies ist eine Einrichtung die darauf abzielt, Kinder aus Innenstädten zu identifizieren, die unter dem „Risiko“ stehen, gewalttätig zu werden, da sie eine Prädisponierung biochemischer oder genetischer Faktoren aufweisen. Das Programm, ursprünglich durch den damaligen Direktor des US National Institute of Mental Health Frederick Goodwin vorgeschlagen, hatte aufgrund seiner potentiell rassistischen Untertöne – d.h. aufgrund der wiederholten verschlüsselten Bezüge zur „schlagkräftigen Innenstadt“-Jugend – bald zahlreiche Gegner. Nicht lange danach hat Goodwin seinen Direktorenposten aufgegeben, und Vorschläge zum Abhalten eines Treffens, um seine Pläne zu diskutieren, wurden mehrere Male abgelehnt. Nichtsdestotrotz werden Teile des Untersuchungsprogramms in Chicago und anderen Städten fortgesetzt.

Das Beispiel der „Aggressions-Gene“ kann im Verhältnis zu den vielen anderen Behauptungen, die die genetischen Wurzeln anormalen oder nicht wünschenswerten menschlichen Verhaltens erklären, wieder und wieder herangezogen werden. Solche Behauptungen gelangen in die Schlagzeilen und beeinflussen dann Initiativen zur Sozialpolitik. Doch unkritische Versuche, die biologische Wissenschaft auf die Gesetzgebung hinsichtlich menschlicher Zustände anzuwenden, führen uns, wenn wir uns nicht vorsehen, in die dunklen Zeit der Eugeniker zurück.