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Das offene Geheimnis der wirtschaftlichen Wiedereröffnung

WASHINGTON, DC – Die Zukunft der Weltwirtschaft wird immer klarer. Zu Beginn der Pandemie gab es noch lebhafte Meinungsverschiedenheiten darüber, ob der Lockdown und andere Maßnahmen nötig oder die wirtschaftlichen Kosten zu hoch waren. Jetzt wird es immer offensichtlicher, dass sich die wirtschaftlichen Aktivitäten erst dann vollständig erholen werden, wenn die Einschränkungen Zeit hatten zu wirken. Andernfalls wird sich COVID-19 weiter ausbreiten und eine nachhaltige und schnelle Erholung unmöglich machen, bis es einen effektiven, allgemein verfügbaren Impfstoff gibt.

Als sich das Coronavirus erstmals über China hinaus verbreitete und dort, wo Lockdowns verhängt wurden, eine sofortigen, scharfen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität und der Beschäftigung auslöste, versuchten Epidemologen, die Öffentlichkeit (und häufig auch die Behörden) darüber aufzuklären, was als nächstes kommt: Sie warnten, das Virus sei erst dann ausreichend unter Kontrolle, wenn sein R-Wert – die durchschnittliche Anzahl von Menschen, die von einem Infizierten angesteckt wird – unter eins liegt. Bei genau eins steckt jeder Infizierter eine weitere Person an, und die Anzahl der COVID-19-Fälle bleibt über die Zeit hinweg konstant. Ein geringerer R-Wert, so erklärten die Wissenschaftler, könnte viel schneller erreicht werden, wenn strengere Einschränkungen, effektive Tests und eine umfassende Kontaktverfolgung zur Isolierung positiver Fälle eingeführt werden.

An Orten mit flächendeckenden Ausgangssperren und anderen Maßnahmen konnten die Ausbrüche stabilisiert werden, und der R-Wert ging bereits innerhalb von zwei oder drei Wochen zurück. Teilweise stieg die Anzahl der COVID-19-Fälle von Anfang an exponentiell, was zu einer weiteren Verbreitung von Quarantänemaßnahmen führte. Und da ein hoher Prozentsatz der Menschen in den Hotspots (wahrscheinlich aus Angst) die Empfehlungen zum Lockdown, zur Nachverfolgung und zum Testen befolgt hat, konnte die epidemische Kurve schnell abgeflacht werden.

An Orten hingegen, an denen es nur milde oder gar keine Lockdown-Maßnahmen gab, versuchten weniger Menschen, Kontakte zu vermeiden oder die Ausbreitung des Virus zu verhindern, oder sie nahmen die entsprechenden Maßnahmen weniger ernst. Daraufhin stieg die Anzahl der Fälle. Sicherlich war die Ausbreitung von COVID-19 auch durch zusätzliche, ortsspezifische Faktoren beeinflusst. Aber die klare Lehre aus den weltweiten Entwicklungen ist, das der Umfang der Einschränkungen und das Ausmaß, in dem sie befolgt wurden, für die Eindämmung und die nachfolgende Erholung von der Pandemie die bei weitem wichtigsten Faktoren waren.

Leider nahm in den Vereinigten Staaten der Widerstand gegen die Einschränkungen gerade in der Zeit zu, in der die Mitarbeit der Menschen am dringendsten gebraucht worden wäre. Einige Politiker und Kommentatoren behaupteten, die wirtschaftlichen Kosten zur Rettung eines Menschenlebens seien zu hoch – verglichen mit jenen, die durch Einkommensverluste oder Einschränkungen bei der Behandlung anderer Krankheiten entstehen. Dieser öffentliche Druck konnte sich schließlich durchsetzen. Trotz der Warnung der Epidemologen wurden die anfänglichen Einschränkungen in vielen US-Bundesstaaten zu schnell wieder gelockert.

Schlimmer noch, viele Menschen kehrten danach sofort wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurück und ignorierten die Empfehlungen für soziale Distanzierung, die Vermeidung von Menschenmengen (insbesondere in Innenräumen), das Tragen von Masken, das Waschen der Hände und andere vorbeugende Maßnahmen. Die Fabriken öffneten wieder, und auch viele Einzelhandelsgeschäfte und andere Einrichtungen nahmen ihren Betrieb wieder auf – wenn auch mit verringerter Kapazität. Kurzfristig stiegen die Produktion und die Konsumausgaben erheblich, und die Arbeitslosenquote ging zurück (obwohl sie weiterhin hoch blieb). Aber in den meisten Fällen begannen diese Öffnungen bei einem R-Wert nahe oder über eins, wodurch die Anzahl der Infektionen direkt nach der Lockerung natürlich wieder stieg.

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Das Ergebnis ist ein Lose-Lose-Szenario. Die momentanen Bedingungen führen weder zu einer anhaltenden Verbesserung der wirtschaftlichen Aktivitäten noch zu einer dauerhaften Verringerung der COVID-19-Fälle. Wären Gesundheitspersonal, medizinische Ausrüstung und Testkapazitäten verfügbar und am richtigen Ort gewesen, dann wären die Gesundheitsbehörden vielleicht in der Lage gewesen, genug Kontakte zu verfolgen und Quarantänemaßnahmen zu verhängen, um die Verbreitung des Virus zu bremsen. In Ländern wie Deutschland, Neuseeland und Südkorea ist dies gelungen, ebenso wie in Städten wie New York, das einst der am stärksten betroffene Ort in den USA war und nun einen R-Wert von etwa 0,4-0,5 erreicht hat.

Damit Tests effektiv sind, müssen die Ergebnisse schnell verfügbar sein, um die Infizierten vor einem Kontakt mit anderen zu warnen. Das Problem ist, dass – insbesondere in den Hotspots – Testmaterialien und Ausrüstung sehr knapp waren. Jetzt, wo der R-Wert alarmierend stark steigt, sind einige US-Krankenhäuser bereits überfordert, und einige Fabriken mussten wieder schließen, weil ihre Angestellten krank wurden. Die Behörden in den stark betroffenen südlichen und südwestlichen Bundesstaaten machen bereits ihre ursprünglichen Lockerungsmaßnahmen rückgängig und verhängen neue Einschränkungen.

Aber sogar dort, wo Menschen die Vorsichtsmaßnahmen eingehalten haben und der R-Wert nicht signifikant gestiegen ist, beginnt die Wachstumsrate des Konsums zu sinken. Die Konsumenten können einfach nicht sicher sein, ob eventuelle Lockerungen andauern, und die Unternehmen sehen zu viel Unsicherheit, um langfristig zu investieren. Die Tragödie ist, dass, wenn die Lockdowns effektiv gewesen und überall durchgesetzt worden wären, eine V-förmige Erholung durchaus möglich gewesen wäre. Aber dies ist nicht geschehen, und nun scheint der jüngste Aufschwung wieder ins Stocken zu geraten.

Die beste Hoffnung für die Weltwirtschaft ist die allgemeine Erkenntnis, dass die Epidemologen von Anfang an recht hatten: Die voreilige Lockerung hat zu unnötigen zusätzlichen Kosten geführt – sowohl im gesundheitlichen als auch im wirtschaftlichen Bereich. Würde die Öffentlichkeit die Einschränkungen streng genug befolgen, um den R-Wert unter eins zu bringen, wäre dies die beste Form wirtschaftlicher Stimulierung, die überhaupt vorstellbar ist.

Ein R-Wert deutlich unter eins würde bedeuten, dass die Konsumenten und Unternehmen bei einer Lockerung der Einschränkungen darauf vertrauen können, dass der darauf folgende wirtschaftliche Aufschwung dauerhaft ist. Dann gäbe es eine ziemlich schnelle Rückkehr zu normalen wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten.

Die beiden Ziele, das Virus zu besiegen und die Wirtschaft wiederzubeleben, sind nicht widersprüchlich, sondern ein und dasselbe. Das Virus bestimmt, wie schnell wir die wirtschaftlichen Aktivitäten sicher wieder aufnehmen können. Und wie stark wir die Vorbeugemaßnahmen befolgen, bestimmt, wie schnell wir das Virus besiegen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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