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COVID-19 und die menschliche Freiheit

NEW YORK – Dass es in den Vereinigten Staaten immer mehr COVID-19-Fälle, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle gibt, ist eine bittere Erinnerung daran, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Bis diese Seuche nicht überall unter Kontrolle ist, wird die Weltwirtschaft nicht zur Normalität zurückkehren.

Aber der Fall der USA ist besonders tragisch, weil das, was dort momentan geschieht, so unnötig ist. Während sich die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern nach Impfstoffen sehnen (und viele sterben, weil sie keine bekommen), haben die USA genug Vorräte, um jedem im Land eine doppelte Dosis – und jetzt sogar eine Auffrischung – zu geben. Und wenn fast alle geimpft wären, würde COVID-19 mit ziemlicher Sicherheit einfach „verschwinden“, wie es der ehemalige Präsident Donald Trump ausgedrückt hat.

Aber bis jetzt sind in den USA nicht annähernd genug Menschen geimpft worden, um zu verhindern, dass die hoch ansteckende Delta-Variante die Fallzahlen in vielen Regionen auf neue Höchststände bringt. Wie kommt es, das in einem Land mit scheinbar gebildeten Bürgern so viele Menschen derart irrational, gegen ihr eigenes Interesse, gegen die Wissenschaft und gegen die Lektionen der Geschichte handeln?

Ein Teil der Antwort ist, dass die Menschen im Land trotz ihres Wohlstands nicht so gut ausgebildet sind, wie man erwarten könnte – was sich auch in der amerikanischen Position in standardisierten Rangfolgen widerspiegelt. In vielen Teilen des Landes – darunter auch in einigen mit dem höchsten Anteil an Impfgegnern – ist die wissenschaftliche Ausbildung besonders schlecht, was an der Politisierung grundlegender Themen wie Evolution und Klimawandel liegt, die vielfach aus dem Lehrplan der Schulen ausgeschlossen wurden.

In diesem Umfeld lassen sich viele Menschen von falschen Informationen beeinflussen. Und die Plattformen der sozialen Medien, die für ihre Inhalte keine Verantwortung tragen müssen, haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht, die „Nutzerbeteiligung“ dadurch zu erhöhen, dass sie solche Falschinformationen verbreiten – auch über COVID-19 und die Impfstoffe.

Aber ein wichtiger Teil der Antwort ist auch eine tiefe Fehlinterpretation individueller Freiheit, insbesondere durch die politische Rechte: Wer sich weigert, Maske zu tragen oder sich sozial zu distanzieren, argumentiert häufig, die Pflicht dazu würde seine Freiheit beeinträchtigen. Aber die Freiheit der einen Person ist die „Unfreiheit“ einer anderen. Führt die Weigerung, eine Maske zu tragen oder sich impfen zu lassen, dazu, dass andere an COVID-19 erkranken, verweigert dieses Verhalten anderen das noch grundlegendere Recht auf Leben selbst.

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Entscheidend ist hier, dass es massive externe Effekte gibt: In einer Pandemie beeinflusst das Verhalten einer Person die Lebensqualität der anderen. Und überall, wo solche externen Effekte eine Rolle spielen, erfordert das Wohlergehen der Gesellschaft gemeinsames Handeln: Regeln, um sozial schädliches Verhalten einzuschränken und sozial nützliches Verhalten zu fördern.

Zu jeder gesellschaftlichen Ordnung gehören auch Einschränkungen. Aber obwohl Maßnahmen gegen Töten, Stehlen usw. die individuelle Freiheit einschränken, verstehen wir alle, dass die Gesellschaft ohne sie nicht funktionieren würde. In unserer Post-COVID-Welt könnten wir die Zehn Gebote so interpretieren: „Du sollst nicht töten, darunter auch nicht durch die Weitergabe ansteckender Krankheiten, wenn du es vermeiden kannst.“

Außerdem könnte man hinzufügen: „Du sollst dich impfen lassen.“ Jegliche Beeinträchtigung der individuellen Freiheit durch eine sichere und hocheffektive COVID-19-Impfung verblasst im Vergleich zum sozialen Nutzen – und den damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteilen – der öffentlichen Gesundheit. Dass alle Menschen, mit nur wenigen medizinischen Ausnahmen, zur Impfung verpflichtet werden sollten, steht außer Frage. Auch wenn viele Regierungen dabei zu zögern scheinen, sollten Arbeitgeber, Schulen und soziale Organisationen – alle Einrichtungen, die Individuen mit anderen in Verbindung bringen – dies tun.

Wie wir in den letzten 18 Monaten gelernt haben, ist die öffentliche Gesundheit ein globales, gemeinschaftliches Gut. So lange diese Seuche in einigen Teilen der Welt um sich greift, wächst die Gefahr tödlicherer, ansteckenderer und impfstoffresistenterer Mutationen.

Der größte Teil der Welt hat allerdings kein Problem mit Impfgegnern, sondern mit einem massiven Mangel an Impfstoffen. Offensichtlich ist der private Sektor nicht in der Lage, die Herstellung genügend hochzufahren, um eine angemessene Versorgung zu gewährleisten. Liegt das daran, dass es den Impfstoffproduzenten an Kapital mangelt? Gibt es zu wenig Glasröhrchen oder Spritzen? Oder liegt es daran, dass sie hoffen, weniger Dosen hätten höhere Preise und noch höhere Gewinne zur Folge? Eins der größten Hindernisse für ein größeres Angebot ist der Zugang zu den erforderlichen intellektuellen Eigentumsrechten, weshalb deren Aussetzung, die in der Welthandelsorganisation diskutiert wird, so wichtig ist.

Angesichts der Größe und Dringlichkeit der Herausforderung brauchen wir mehr: Zu den Schritten, die die Regierung von US-Präsident Joe Biden unternehmen könnte, gehört auch, das Gesetz zur Verteidigungsproduktion (Defense Production Act) zu aktivieren und die wichtigen Patente zu nutzen, die im Eigentum der Bundesregierung sind. In den USA konnten die Pharma-Unternehmen diese öffentlichen intellektuellen Eigentumsrechte frei nutzen und Milliarden Dollar Gewinne damit machen. Jetzt muss das Land aber alle ihm verfügbaren Instrumente nutzen, um die Produktion im In- und Ausland zu steigern.

Auch dies steht außer Frage. Sogar wenn die weltweiten Impfungen zig Milliarden Dollar kosten würden, wäre dies im Vergleich zu den Kosten ständiger COVID-19-Ausbrüche für Leben, Lebenserwerb und die Weltwirtschaft unbedeutend.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

https://prosyn.org/KzcY80Mde