Skip to main content

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated Cookie policy, Privacy policy and Terms & Conditions

basu54_NICHOLAS KAMMAFP via Getty Images_imfworldbankcoronavirus Nichola Kamm/AFP via Getty Images

Epidemien und Wirtschaftspolitik

NEW YORK – Die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus COVID-19 in China geht endlich zurück. In der übrigen Welt von Südkorea über den Iran bis Italien jedoch steigt sie. Egal wie sich die Epidemie entfaltet und selbst, wenn sie in Kürze weltweit unter Kontrolle gebracht wird, dürfte sie viel mehr wirtschaftlichen Schaden anrichten, als die politischen Entscheidungsträger zu realisieren scheinen.

Im Gefolge der globalen Finanzkrise von 2008 führten die Notenbanken die Reaktion an. Nun, da der COVID-19-Ausbruch die Wertschöpfungsketten stört und Ängste bei den Anlegern auslöst, scheinen einige zu glauben, dass sie es wieder tun könnten. Die US Federal Reserve hat die Zinsen bereits um einen halben Prozentpunkt gesenkt; dies ist ihre größte Zinssenkung in einem Schritt seit über einem Jahrzehnt. Doch schien der Schritt der Fed ohne weitere flankierende Maßnahmen die Märkte nur zusätzlich zu verwirren; schon Minuten nach der Zinssenkung setzte sich der Kursverfall fort.

Derartige Kursausschläge am Aktienmarkt sagen wenig über den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft – d. h., der Welt der Waren und Dienstleistungen – aus. Vielmehr spiegeln sie Annahmen wider: nicht bloß, was Sie und ich glauben, sondern auch, was Sie und ich darüber glauben, was Sie und ich glauben. In diesem Sinne entwickeln sich Verluste an den Aktienmärkten häufig zu angstgetriebenen, sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.

Eine weitreichende globale Krise verlangt eine umfassende globale Reaktion. Ich weiß nicht genau, wie eine derartige Reaktion aussehen sollte – das tut derzeit niemand. Aber wir können es herausfinden. Zu diesem Zweck sollte eine multilaterale Organisation wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds dringend eine Arbeitsgruppe einrichten, die vielleicht 20 Ökonomen aus unterschiedlichen Fachgebieten sowie Experten im Bereich der Gesundheit und der Geopolitik umfassen sollte.

Diese „C20“ hätte den Auftrag, zeitnah eine Analyse der Krise vorzunehmen und eine koordinierte globale Reaktion zu konzipieren. Sie müsste ihren ersten Bericht – mit einer Liste erster von den Regierungen und möglicherweise auch von privaten Konzernen zu ergreifender Maßnahmen – innerhalb eines Monats vorlegen. In jedem Folgemonat müsste sie dann eine aktualisierte Agenda vorlegen. Im Laufe der Zeit würden wirksame Maßnahmen greifen, und die Gruppe könnte, womöglich schon ein Jahr nach ihrer Gründung, aufgelöst werden.

Nichts, was die C20 täte, würde die anfänglichen unmittelbaren Schäden verhindern, die einige Sektoren wie etwa die Tourismusbranche erleiden werden. Und diese Schäden dürften beträchtlich sein. So schätzt die International Air Transport Association, dass der globale Luftfahrtsektor bei einer weiteren Verbreitung des Virus Umsatzverluste in Höhe von 113 Milliarden Dollar erleiden könnte.

Project Syndicate is conducting a short reader survey. As a valued reader, your feedback is greatly appreciated.

Take Survey

Auch die großen Hotelmarken vermelden ein rückläufiges Geschäft. Hilton, das 150 Hotels in China geschlossen hat, erwartet für das Gesamtjahr einen Verlust von 25-50 Millionen Dollar beim bereinigten Ergebnis (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen), wenn der Ausbruch und die Erholung jeweils 3-6 Monate dauern. Die Tourismus-Ausgaben der Chinesen allein – die sich 2018 auf 277 Milliarden Dollar beliefen – dürften dieses Jahr aus meiner Sicht um mehr als die Hälfte zurückgehen.

Doch könnte es der C20 gelingen, die sekundären und tertiären Multiplikator-Effekte dieser frühen Erschütterungen, die ein breites Spektrum an Sektoren treffen und Beschäftigung und Preise in Mitleidenschaft ziehen würden, zu verringern. Falls die Nachfrage etwa in allen Sektoren zurückginge, könnten die Regierungen zu ihrer Wiederbelebung breit aufgestellte geld- und fiskalpolitische Maßnahmen ergreifen. Die Notenbanken könnten die Leitzinsen senken, während die Regierungen eine koordinierte fiskalische Expansion ähnlich jener während der Großen Rezession verfolgen könnten.

Trotzdem könnte sich ein derartiger Ansatz diesmal als unzureichend erweisen. Schließlich unterscheidet sich die COVID-19-Krise in einem entscheidenden Punkt von der Krise des Jahres 2008: Obwohl die Nachfrage in einigen Sektoren einbricht, steigt sie in anderen steil an, was die Preise in die Höhe schraubt und viele reguläre Käufer vom Markt ausschließt.

Das Gesundheitswesen ist hierfür das offensichtlichste Beispiel. Berichte deuten darauf hin, dass viele Menschen in China angesichts der zur Bekämpfung von COVID-19 umgelenkten begrenzten Ressourcen Schwierigkeiten haben, ihre normalen gesundheitlichen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. In diesem Kontext müssen politische Interventionen nuanciert und sektorenspezifisch erfolgen: Sie müssen die Kaufkraft der Verbraucher in einigen Sektoren stärken und in anderen die Nachfrage bremsen.

Es gibt noch ein anderes Problem, das derzeit nur unzureichend wahrgenommen wird. Infolge des Coronavirus-Ausbruchs werden eine Vielzahl von Verträgen nicht eingehalten werden, wobei einige höhere Gewalt geltend machen werden. Höhere Gewalt würde die Vertragspartner von ihren vertraglichen Verpflichtungen entbinden. Laut dem Chinesischen Rat zur Förderung des internationalen Handels hat China nahezu 5000 Bescheinigungen über höhere Gewalt ausgestellt, die Verträge im Wert von 373,7 Milliarden CN¥ (53,8 Milliarden Dollar) abdecken.

Doch werden viele Vertragsparteien an diesen nichteingehaltenen Verträgen die behauptete höhere Gewalt bestreiten. Dies wird Druck auf die Gesetze zum Haftungsrecht (und die Gerichte) ausüben und die Spannungen bei den Wirtschaftstransaktionen steigern.

Vereinfacht gesagt dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Epidemie hochgradig komplex und stark unterschiedlich ausfallen. Ihnen wirksam zu begegnen erfordert, dass die politischen Entscheidungsträger – und im Idealfall die C20 – eine intersektorale, das große Ganze betrachtende Sicht einnehmen, die nicht nur die Ergebnisse berücksichtigt, sondern auch die vielfältigen und einander überlappenden Dynamiken, die diese antreiben.

Zu diesem Zweck täten die Entscheidungsträger gut daran, sich an frühere Studien intersektoraler Verbindungen zu erinnern, die in dem bahnbrechenden Werk Léon Walras’ von 1874 und den Untersuchungen des Nobelpreisträgers Kenneth Arrow und von Gérard Debreu in den 1950er Jahren wurzeln. Insbesondere sollten sie sich mit dem „Entitlement Approach“ des Wirtschaftsnobelpreisträgers Amartya Sen befassen, der erklärt, warum Hungersnöte selbst dann auftreten können, wenn das Angebot an Lebensmitteln groß ist. Dabei wird eine Erschütterung durch komplexe Angebots- und Nachfragekanäle von einem anderen Sektor auf den Lebensmittelsektor übertragen, was zu Verschiebungen bei Lebensmittelpreisen und Löhnen führt und einem Teil der Bevölkerung faktisch die Möglichkeit nimmt, ausreichend Lebensmittel zu kaufen. Dies wird in dem klassischen Film A Distant Thunder von Satyajit Ray über die Hungersnot in Bengalen im Jahre 1943 dargestellt, der das tragische Phänomen des Hungers und Elends inmitten eines reichhaltigen Lebensmittelangebots einfängt.

Frühere Bemühungen, diese intersektoralen Übertragungskanäle – etwa durch Input-Output-Analysen – zu ermitteln und zu operationalisieren, sollten ebenfalls in Betracht gezogen werden, auch wenn sie nicht unmittelbar auf den aktuellen Kontext anwendbar sind. Stattdessen sollten diese Ansätze die Bemühungen von mit der C20 zusammenarbeitenden Forschungsgruppen leiten, zu kartieren, wie sich die Erstrundenschocks von COVID-19 höchstwahrscheinlich durch die Volkswirtschaft verbreiten werden.

Nur mit einer derartigen Kartierung können die Entscheidungsträger die sektorenspezifischen Interventionen entwickeln, die zur Bewältigung des Coronavirus so entscheidend sind. Angesichts einer bereits jetzt mit Risiken behafteten Weltwirtschaft ist keine Zeit zu verlieren.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/AQ03Ewrde;

Edit Newsletter Preferences

Set up Notification

To receive email updates regarding this {entity_type}, please enter your email below.

If you are not already registered, this will create a PS account for you. You should receive an activation email shortly.