goldberg6_chesnot_getty Images_women pandemic Chesnot/Getty Images

Welchen Preis Covid von den Frauen fordert

NEW HAVEN – Obwohl die Covid-19-Infektionen und die Zahl der damit zusammenhängenden Todesfälle in vielen Teilen der Welt stark ansteigen, zeichnet sich durch die jüngsten Meldungen über offenbar erfolgreiche Impfstoffstudien ein Licht am Ende des Tunnels ab. Es ist zu hoffen, dass wir unsere Aufmerksamkeit bald von der dringenden Notwendigkeit, Leben zu retten, auf die längerfristigen Kosten der Pandemie lenken können, nicht zuletzt auf die Kosten, die unverhältnismäßig stark von Frauen getragen werden.

Die Pandemie hat ein seit langem bestehendes, weltweites Problem verschärft: die hohen und fortbestehenden Hürden für eine gleichberechtigte Teilnahme der Frauen in Wirtschaft und öffentlichem Leben. In einer Studie, die jüngst auf Grundlage der Datenbank Women, Business and the Law der Weltbankgruppe durchgeführt wurde, zeigen meine Mitverfasser und ich, dass es trotz jahrzehntelanger Fortschritte beim Abbau der Geschlechterdiskriminierung immer noch große Unterschiede in der rechtlichen Behandlung von Frauen und Männern gibt. Im Schnitt verfügen Frauen nur über drei Viertel der Rechte, wie sie Männer genießen und sie leiden unter ausgeprägten Ungleichheiten im Hinblick auf Bezahlung und Unterstützung als Elternteil.

Noch düsterer präsentiert sich das Bild in einigen der bevölkerungsreichsten Länder der Welt – wie etwa in Indien, Pakistan und China – sowie in den meisten Ländern des Nahen Ostens und Nordafrika. Und diese Erkenntnisse beziehen sich lediglich auf die in Gesetzen verankerte Diskriminierung; de facto sind Formen der Diskriminierung zu Hause und am Arbeitsplatz – selbst in fortgeschrittenen Volkswirtschaften - vermutlich noch weiter verbreitet.

Obwohl die medizinische Forschung bei Frauen eine geringere Sterblichkeit durch Covid-19 ausweist, warnen zahlreiche Beobachter, dass sie von der Pandemie in vielerlei anderer Hinsicht stärker betroffen sind. Zusätzlich zu den offensichtlichen Risiken, die das Virus für das überwiegend weibliche Gesundheitspersonal darstellt, haben die mit der Pandemie verbundenen Lockdown-Maßnahmen zu Lücken in der Betreuung Schwangerer und junger Mütter geführt sowie zu einer Zunahme häuslicher Misshandlung.

Die Covid-19-Krise zeigt auch unverhältnismäßig starke wirtschaftliche Auswirkungen auf Frauen. Im Laufe vergangener Wirtschaftskontraktionen lagen die Beschäftigungsverluste bei Männern in der Regel höher, da die Rezessionen in erster Linie Sektoren betrafen, in denen mehr Männer als Frauen beschäftigt waren, wie beispielsweise die verarbeitende Industrie und das Baugewerbe. Die Pandemie betrifft jedoch vor allem Dienstleistungssektoren wie Hotellerie und Gastgewerbe, in denen Frauen einen größeren Anteil der Beschäftigten bilden. Jüngste Schätzungen auf Grundlage von Daten aus den Vereinigten Staaten und Indien deuten darauf hin,  dass die Arbeitsplatzverluste aufgrund von Covid-19 bei Frauen 1,8 Mal höher liegen als der entsprechende Wert bei Männern.

In der Wirtschaftswissenschaft existiert umfangreiche Literatur, aus der hervorgeht, dass Arbeitsplatzverluste in Zeiten des Abschwungs lang anhaltende Auswirkungen haben, da Arbeitslose im Laufe der Zeit tendenziell relevante berufliche Fähigkeiten und berufsbedingte Beziehungen verlieren. Diese negativen Auswirkungen drohen nun die wirtschaftlichen Chancen von Frauen bis in die fernere Zukunft zu schmälern.

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Noch schlimmer: in wissenschaftlichen Schätzungen sind die wahren wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auf erwerbstätige Frauen in Ländern niedrigen Einkommens wohl zu niedrig angesetzt, da die meisten dieser Frauen im informellen Sektor beschäftigt sind (der definitionsgemäß in offiziellen Daten oder Untersuchungen nicht entsprechend erfasst wird). Für die überwiegende Mehrheit der informell Beschäftigten ist Telearbeit während eines Lockdowns keine Option und Hilfsmaßnahmen, die über offizielle Kanäle laufen, erweisen sich als wenig oder gar nicht hilfreich. Außerdem sind im Rahmen öffentlicher Maßnahmen wie Geldtransfers zuverlässige Identifizierung sowie Zugang zu digitalen Diensten erforderlich. Doch in Ländern niedrigen Einkommens verfügen geschätzte 45 Prozent der Frauen über 15 Jahre über keinen Ausweis. Bei Männern liegt dieser Wert bei 30 Prozent.

Auch Schulschließungen haben für Frauen und Mädchen gravierendere Folgen. Selbst wenn diese Schließungen nur von relativ kurzer Dauer sind, können sie in einkommensschwachen Gegenden zu langfristigen Verlusten an Humankapital bei Mädchen führen. Frühere, auf dem Ebola-Ausbruch in Sierra Leone des Jahres 2014 beruhende Untersuchungen stellten einen Anstieg außerehelicher Schwangerschaften fest und zeigten, dass bei der Wiedereröffnung der Schulen die Burschen zurückkehrten, die Mädchen jedoch nicht. 

Ebenso tiefgreifend präsentieren sich die Auswirkungen von Lockdowns und Schließungen auf die Kinderbetreuung. Da Kindermädchen, Babysitter, Nachbarn, Freunde und Großeltern nicht zur Verfügung stehen, müssen viele Familien ihre Kinder selbst betreuen und auch zu Hause unterrichten. Angesichts der traditionellen Geschlechterrollen in den Haushalten ist die Last dieser zusätzlichen Arbeit zu einem unverhältnismäßig hohen Anteil den Frauen zugefallen. Es kommt nicht überraschend, dass viele mit dieser Doppelbelastung konfrontierte Frauen gänzlich aus dem Arbeitsmarkt herausfallen. In den USA zeigen die Daten des Bureau of Labor Statistics, dass im September 2020 viermal mehr Frauen als Männer aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind.

Um diese Ungleichheiten anzugehen, müssen wir zunächst die Geschlechterfrage in politischen Debatten, in der Medienberichterstattung und in der akademischen Forschung in den Vordergrund rücken. Die geschlechtsspezifische Dimension der Pandemie steht weit weniger im Blickpunkt als ihre ethnischen und sozioökonomischen Aspekte. Wann immer wir uns auf die Erholung nach der Pandemie konzentrieren, müssen wir die Gelegenheit nützen und Änderungen in Kraft setzen, die das Leben der Frauen verbessern.

Eine der obersten Prioritäten ist die Einführung und Förderung flexibler Arbeitszeitmodelle. Eine beträchtliche Zahl von Forschungsergebnissen belegt, dass nach der Geburt von Kindern Bezahlung und Karriereaussichten von Frauen deutlich von denen der Männer abweichen. Flexiblere Arbeitszeiten würden es Frauen ermöglichen, ihre Karriere fortzusetzen, ohne auf Zeit mit der Familie verzichten zu müssen. Der Anstieg der Telearbeit während der Pandemie hat gezeigt, was mit den Technologien von heute möglich ist und die Herausforderungen für viele Eltern während der Lockdowns haben die Bedeutung einer Grundversorgung mit Kinderbetreuung für die Wirtschaft insgesamt herausgestrichen.  

Ein Hoffnungsschimmer der Pandemie besteht darin, dass sie vielleicht zu echten Veränderungen in der Einstellung gegenüber Hausarbeit, Elternarbeit und Kinderbetreuung führt. Universelle, kostenlose und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung würde es allen Müttern ermöglichen, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren, unabhängig davon, ob sie von zu Hause aus arbeiten oder nicht. So könnten auch erfüllendere Beschäftigungen in Jobs geschaffen werden, die nicht durch Roboter oder Auslagerung bedroht wären.

Wir werden jedoch wachsam bleiben müssen und zu gewährleisten haben, dass wichtige Reformen und Strategien zur Förderung der Geschlechtergerechtigkeit nicht wieder auf die lange Bank geschoben oder rückgängig gemacht werden, wenn die Aufmerksamkeit der Politik wieder anderen Prioritäten gilt. In einkommensschwachen Ländern müssen wir weiter daran arbeiten, allen Mädchen die Chance zu geben, nach der Wiedereröffnung der Schulen in den Unterricht zurückzukehren.

Alle Maßnahmen lassen sich zu vertretbaren Kosten realisieren. Um einen wirklichen Wandel herbeizuführen, ist jedoch eine bisher fehlende geschlechtsspezifische Perspektive auf die Pandemie erforderlich.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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