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Wenn Obama immer mithört

WIEN – Was verbindet den „Amerika zuerst“ Präsidenten Donald Trump, Polens politischen Strippenzieher Jarosław Kaczyński und den russischen Präsidenten Wladimir Putin? Trump und Kaczyński, brusttrommelnde Nationalisten, sollten Russlands revanchistisches Staatsoberhaupt für seine Expansionspolitik in postsowjetischen Staaten wie Georgien und der Ukraine schmähen. Doch Trump ist voll des Lobes für Putin, während Kaczyński vermehrt dessen autokratische Methoden nachahmt. Und alle drei scheinen nicht nur empfänglich für abstruse Verschwörungstheorien, sondern nutzen diesen Glauben, um Politik zu machen und die Öffentlichkeit zu manipulieren.

Putin wittert überall Verschwörungen, die Russlands Größe untergraben sollen, zumeist angezettelt von den westlichen Geheimdiensten der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs. Die Theorien, die er vertritt, entbehren oft jeder Grundlage, aber man kann zumindest nachvollziehen, warum er ihnen glauben könnte: Für einen ehemaligen KGB-Agenten, der selbst Chef eines Spionagerings war, ist ein gewisses Misstrauen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie es scheint, nicht gerade überraschend.

Trumps Empfänglichkeit – um nicht zu sagen Begeisterung – für radikale Verschwörungstheorien lässt sich nicht so einfach erklären. Trump ist alles andere als ein Ränkeschmied, es sei denn, der hart umkämpfte New Yorker Immobilienmarkt ist noch stärker von der Mafia durchdrungen als es Außenstehende vermuten.

Es scheint klar zu sein, dass Trumps Chefstratege Stephen Bannon, zeit seines Lebens ein antiliberaler Märchenonkel, die dumpfe Weltanschauung seines Chefs bekräftigt. Aber nicht einmal Bannons Einfluss kann Trumps fieberhafte Tweets vom Samstagmorgen erklären, in denen er Barack Obama vorwarf, er habe vor der Wahl die Telefone im Trump Tower angezapft.

Da er seine Vorwürfe nicht belegen kann, hat Trump eine Untersuchung gefordert, so wie  zuvor, als er massiven Wahlbetrug (zu Gunsten seiner  Gegnerin Hillary Clinton) untersuchen lassen wollte, den es nie gegeben hat. Seine jüngste Schimpftirade war derart grotesk und unglaubwürdig – sogar für einen Präsidenten, der sich übers Kabelfernsehen informiert und Twitter-süchtig ist –, dass man sich fragen muss (was viele tun), ob Trump an einer psychischen Störung leidet.

Kaczyński hat seine eigenen paranoiden Theorien. Er glaubt, dass der ehemalige polnische Ministerpräsident und derzeitige Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk und Putin sich verschworen haben, seinen Zwillingsbruder, den damaligen polnischen Präsidenten  Lech Kaczyński zu ermorden. Der Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk, bei dem 92 polnische Würdenträger ums Leben kamen, einschließlich Lech Kaczyński, ist gründlich untersucht worden – und es liegen keine Beweise vor, die Kaczyńskis Behauptung unterstützen würden. Aufgrund seiner Wahnvorstellungen intrigiert er dennoch in Brüssel gegen die Wiederwahl von Donald Tusk.

Was der verstorbene Historiker Richard Hofstadter als „paranoiden Stil“ bezeichnet hat,  sitzt jetzt an den Schalthebeln der politischen Macht in den USA und Polen. Die Frage ist, wie diese beiden Demokratien in den Bann von Regierungschefs geraten sind, die eher an Putin erinnern als an konventionelle westliche Staatenlenker. Möglicherweise lässt sich diese Frage weder mit herkömmlichen politischen Analysen, noch mit Psychologie beantworten.

Die Schriftstellerin Joan Didion kommt der Politik von Trump und Kaczyński vielleicht am ehesten auf die Spur. In ihrem Essay „Notes Toward a Dreampolitik”, beschreibt Didion Menschen, die sich durch die Welt bewegen und „immerzu Bäume in einer inneren Wildnis fällen“. Sie sind „heimliche Grenzgänger, die inmitten des fantastischen elektronischen Pulsierens umherwandern“, das das moderne Leben ausmacht, und sie „beziehen Informationen ausschließlich aus der dürftigsten Verkettung von Gerüchten, Hörensagen, und dem, was zufällig durchsickert“. Sie sind „nominell gebildet“, doch „die nationalen Ängste sind für sie verschwommen, wie in einem dunklen Spiegel“.

Es ist beängstigend genug, dass der US-Präsident auf die meisten seiner täglichen Briefings durch Experten des Außenministeriums und der Geheimdienste verzichtet. Wirklich erschreckend ist die Tatsache, dass er stattdessen auf Fox News, rassistische Alt-Right-Blogs und die Hetztiraden in Radio-Talkshows zurückgreift. Der Anführer der freien Welt hat sich an den irren Rändern des politischen Diskurses in den USA eingerichtet.

Polen unter Kaczyński scheint sich auf Informationen aus ähnlichen Untiefen im Internet und in Radio-Talkshows zu verlassen. Tatsächlich zählt ein Radiosender der römisch-katholischen Kirche, Radio Maria, zu den berüchtigtsten der „heimlichen Grenzgänger”.

Doch wie Putins Führung gezeigt hat, ist der paranoide Stil mehr als eine Form von persönlicher Schwäche. In seinem Buch Voodoo Histories: The Role of the Conspiracy Theory in Shaping Modern History beschreibt der britische Journalist David Aaronovitch diese politische Paranoia als eine Art Voodoo im Zeitalter der sozialen Medien. Die Wortwahl ist vielsagend.  Der Voodoo-Doktor François „Papa Doc“ Duvalier hat während seiner fast 15 Jahre währenden Diktatur in Haiti gezeigt, dass die Paranoia des Herrschers unerbittlich sein muss, wo politische Legitimation jeder Grundlage entbehrt.

Papa Doc hat Angst in die schwärzeste Form politischer Magie verwandelt. Wer seine Herrschaft in Frage gestellt hat, musste damit rechnen von den Tonton Macoute ermordet zu werden – der gefürchteten Miliz Papa Docs, die oftmals mit größter Brutalität und öffentlich gegen ihre Opfer vorging. Kritiker aus dem Ausland sahen ihren guten Ruf beschmutzt. Graham Greene, der mit seinem Buch Die Stunde der Komödianten eine vernichtende Analyse der Herrschaft Papa Docs vorgelegt hat, wurde von den Propagandisten des Regimes als Aufputschmittel-Junkie und Schlimmeres verunglimpft. Putin sind solche Taktiken nicht unbekannt.

Und nun erlebt der Westen etwas Ähnliches. US-Präsident George H.W. Bush hat einst vor „Voodoo Economics“ gewarnt. Heute haben wir es mit einer Form von Voodoo-Politik zu tun: Eine Herrschaft basierend auf „alternativen Fakten“ und haltlosen, nicht überprüfbaren Theorien, die eine eigene Art von Zauber für Menschen entfaltet, die Schwierigkeiten damit haben, eine globalisierte Welt und Wirtschaft zu verstehen, die nicht mehr die ist, die sie kennen.

Trump, Kaczyński und Putin machen sich diese Vorgehensweise zu Eigen, weil sie funktioniert. Unabhängig davon, ob, und in welchem Maße, sie ihren eigenen Behauptungen Glauben schenken, können sie zuversichtlich sein, dass der Zauber für viele ihrer Anhänger nie verblassen wird, egal wie sehr sie scheitern oder wie dreist sie lügen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.