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Solidarität mit Haien

SAN JOSE – Es ist schon oft gesagt worden, dass wir mehr über den Mond wissen als über die Meere. Immerhin ist die Oberfläche des Mondes schon von 12 Menschen betreten worden, während erst drei Forscher am tiefsten Punkt des Meeres waren. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, dass wir noch weniger über die Ozeane wissen als wir dachten – und dass wir möglicherweise noch mehr Schaden angerichtet haben als uns bislang klar war.

Einer aktuellen Studie zufolge sind die Fangmengen seit Jahren erheblich unterschätzt worden. Dies sollte sowohl die Aufmerksamkeit regionaler Fischereiorganisationen erregen, die die kommerzielle Fischerei auf hoher See überwachen, als auch die der Verantwortlichen zur Überwachung der Einhaltung des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (CMS) der Vereinten Nationen, das vom Aussterben bedrohte wandernde Arten einbezieht.

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Zu den in Anhang I aufgelisteten Arten, die dem CMS zufolge heute am strengsten geschützt werden müssen, zählen der Weiße Hai, fünf Sägefischarten und elf Rochenarten. Die in diesem Monat in San Jose, Costa Rica, geplante CMS-Konferenz zu wandernden Haien ist eine wichtige Chance, Bestimmungen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung dieser Arten voranzubringen, damit diese weiterhin ihre wesentliche ökologische Rolle als Spitzenprädatoren erfüllen können.

Bei ihrer letzten Konferenz 2014 in Quito, Ecuador, haben die CMS-Vertragsstaaten die Schutzlisten um mehrere Haiarten erweitert und die Regierungen sind angehalten, ihren Schutz durch die Aushandlung internationaler Abkommen zu gewährleisten. Eines dieser Abkommen, das 2010 erzielt und bislang von 39 Vertragsparteien unterzeichnet wurde, ist das Verwaltungsabkommen zur Erhaltung wandernder Haie (The Memorandum of Understanding on the Conservation of Migratory Sharks). Obwohl es sich um eine rechtlich nicht bindende Vereinbarung handelt, bietet die Initiative ein wichtiges Forum, um Einigungen über Maßnahmen zu erzielen, die gewährleisten, dass eine Nutzung der Bestände wandernder Haie nachhaltig ist.

Die unlängst erfolgte Untersuchung der Fangmengen verdeutlicht jedoch, dass es an genauen Daten mangelt, mit deren Hilfe wir feststellen könnten, auf welchem Niveau eine Nutzung nachhaltig ist. Ohne diese Information sollte das Vorsorgeprinzip gelten – bei fehlender Gewissheit ist ein Risiko zu vermeiden. Wenn es an verlässlichen Daten fehlt, kann die Notwendigkeit eine Art zu schützen abstrakter und weniger dringend erscheinen und es Regierungen erschweren, andere, drängendere Forderungen zurückzuweisen, vor allem die Notwendigkeit diesbezügliche Existenzgrundlagen zu schützen.

Unterdessen nimmt der Konsum von Meeresressourcen weiter kräftig zu. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Weltbevölkerung auf 7,3 Milliarden Menschen verdoppelt und die Menge an Fisch, die Jahr für Jahr aus den Ozeanen geholt wurde ist sogar noch schneller gestiegen: 1950 waren es 20 Millionen Tonnen, 2010 schon 77 Millionen Tonnen. Und das sind nur die offiziellen Zahlen, in denen illegale, unregulierte und nicht gemeldete Fischerei unberücksichtigt ist.

Da Haie für Fischereibetriebe ein kommerziell wertvoller Beifang sind (gewöhnlich beim Thunfischfang), neigen Fischereiorganisationen dazu, diesbezüglich keine spezifischen Regelungen auszuarbeiten. Haie können somit einfacher durch die Lücken im internationalen Recht als durch die Maschen der Fischernetze schlüpfen – vor allem bei den riesigen Spezialnetzen, die heutzutage eingesetzt werden.

Anders als bei den handwerklichen Fischern vergangener Tage haben Fabrikschiffe und moderne Technologien eine massive Ausweitung der Fangmengen ermöglicht, um nicht nur die lokale Nachfrage zu befriedigen, sondern auch die der Fernmärkte. In Anbetracht dessen dürfte es nicht überraschen, dass in den letzten Jahren so viele Neuzugänge auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten aufgenommen werden mussten.

In diesem schwierigen Umfeld werden Initiativen wie das Verwaltungsabkommen zur Erhaltung wandernder Haie ein umso wichtigeres Mittel (oftmals regionalspezifische) Maßnahmen zu fördern. Einige Unterzeichner, unter anderem bestimmte pazifische Inselstaaten, haben ihre riesigen ausschließlichen Wirtschaftszonen zu Hai-Schutzgebieten erklärt und Gebiete ausgewiesen, in denen jeglicher Fischfang verboten ist. Australien, Neuseeland und die Vereinigten Staaten haben ihrerseits Beobachterprogramme und Systeme zur Beurteilung und Verwaltung von Fischbeständen eingerichtet.

Als Antwort auf die Entrüstung über die verschwenderische Praxis des sogenannten Shark-Finning verlangt die Europäische Union nunmehr außerdem, dass alle Haie unversehrt an Land gebracht werden müssen und verhindert somit die Abtrennung der Haifischflossen und die Entsorgung ihrer weniger wertvollen Körper im Meer. Dies ist durch die Zusicherung der chinesischen Regierung bekräftigt worden, bei offiziellen Banketten auf Haifischflossensuppe zu verzichten, die als Delikatesse gilt. Sogar eine wachsende Zahl von Speditionsunternehmen und Fluggesellschaften hat sich motivieren lassen und verweigert inzwischen den Transport von Haifischflossen.

Derlei Fortschritte sind zwar zu begrüßen, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns. So müssen etwa Anstrengungen unternommen werden, das Thema Beifang anzupacken, bei dem Haie in Netzen gefangen werden, mit denen eigentlich vornehmlich Thunfisch gefangen werden soll. Der Schlüssel hierfür ist die Zusammenarbeit aller Beteiligten – angefangen bei Fischern und Umweltschützern über Regierungen und internationale Foren – im Rahmen des Verwaltungsabkommens und vergleichbarer Initiativen.

Die wirtschaftlichen Nachteile, die derartige Bemühungen nach sich ziehen, sind nicht annähernd so groß wie man erwarten könnte; in vielen Fällen können diese durch andere kommerzielle Aktivitäten, die sich lebendige Haie zu Nutze machen, mehr als aufgewogen werden. Der florierende Ökotourismus auf den Malediven, in Kenia, Südafrika, Fidschi und einigen Ländern in Mittelamerika und in der Karibik ist ein Paradebeispiel. Ein Mantarochen, der aus der Nähe in seinem natürlichen Lebensraum beobachtet werden kann, ist eine touristische Attraktion, die tausende von Dollar einbringen kann; mit dem Verkauf der Kiemen und des Fleisches eines toten Rochens lässt sich nur ein Bruchteil dessen erzielen.

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Das kurzfristige Denken, das dem Umweltschutz heute im Wege steht, könnte sich als verheerend erweisen; in gewisser Hinsicht hat es das bereits. Wenn wir die Artenbestände wichtiger Ökosysteme weiter dezimieren, werden wir sie bald nicht mehr regenerieren können. Nur wenn wir gemeinsame, konzertierte und dringende Anstrengungen zum Schutz mariner Ökosysteme unternehmen und die Lebensgrundlage der Menschen schützen, die auf die Meere angewiesen sind, werden die Ozeane weiterhin in der Lage sein, kommende Generationen zu ernähren – und zu faszinieren.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.