Woman standing to address colleagues at a work meeting Getty Images

Auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Arbeitswelt

NEW YORK – Die aufsehenerregende Welle an Fällen sexueller Belästigung, die mit Enthüllungen aus Hollywood begonnen hat, zeigt tiefgreifende Auswirkungen auf weit weniger glamouröse Arbeitsumgebungen. So wie sich große Filmstudios gezwungen sehen, Maßnahmen gegen Missbrauch zu ergreifen, werden jetzt Arbeitsplätze überall von einer ähnlichen Revolution erfasst – ausgelöst von der #MeToo-Bewegung von Frauen, die das Schweigen über sexuelle Übergriffe gebrochen haben.

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Es ist entsetzlich gewesen vom Missbrauch zu erfahren, den Frauen durch Männer in Machtpositionen wie Harvey Weinstein, den NBC-Moderator Matt Lauer und US-Senator Al Franken erlitten haben. Aber es ist gleichzeitig sehr ermutigend zu sehen, dass die Unternehmenswelt das Thema ernst nimmt und versucht eine „gemeinsame Zukunft“ für ihre weiblichen Beschäftigten zu schaffen. Die gemeinsame Reaktion auf die #MeToo-Bewegung könnte einen Wendepunkt im Denken von Arbeitgebern über sexuelle Belästigung und andere Fragen im Zusammenhang mit der Geschlechtszugehörigkeit darstellen – wie etwa Bezahlung und Macht.

Doch die Revolution im beruflichen Umfeld ist noch lange nicht abgeschlossen. Neue Strategien sind erforderlich, um einen gesunden Umgang zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu fördern. Ein angemessener Umgang mit der Gleichstellung der Geschlechter fördert die Leistung und die Produktivität von Unternehmen, während Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, die nicht beachtet wird, eine Arbeitsplatzkultur – und so viel mehr als das – zerstören kann.

Firmen haben das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz traditionell als Pflichtübung angesehen und mithilfe schriftlicher Richtlinien und Schulungen lasche Versuche unternommen, einen respektvollen Umgang zu fördern. Dieser Top-down-Ansatz hat sich allerdings als unwirksam erwiesen, wie Skandale bei Uber und anderen Tech-Firmen gezeigt haben. Wenn Missbrauch am Arbeitsplatz eingedämmt werden soll, brauchen Unternehmensleitungen und Führungskräfte einen neuen Ansatz.

Erste Priorität ist ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen in der Unternehmensführung. Vielfalt in Führungspositionen fördert die Zusammenarbeit der Beschäftigten und führt zu gesunderen Unternehmen. Diese Idee ist nicht neu. Eine Studie, die 2016 im Harvard Business Review veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass Firmen mit mehr weiblichen Führungskräften höhere Gewinne erzielen. Andere Studien haben gezeigt, dass Frauen in Stresssituationen leistungsfähiger sind und oft klügere Entscheidungen treffen. Doch trotz der offenkundigen Vorteile, die weibliche Arbeitskräfte bringen, sind sie in Führungspositionen von Unternehmen auf aller Welt weiterhin unterrepräsentiert

Auch in der digitalen Arbeitswelt muss sich etwas ändern. Übergriffige Personen können in der Kaffeeküche lauern, aber auch in Online-Communities, im Chatroom und in Foren. Die Vorkommnisse, die im Zuge der #MeToo-Debatte öffentlich wurden, haben sich in den sozialen Medien innerhalb von Stunden wie ein Lauffeuer verbreitet und ein ähnlicher Zorn könnte jederzeit über ein Unternehmen hereinbrechen. Aus diesem Grund müssen Unternehmen größten Wert auf Anstand in der Online-Kommunikation legen und Anmerkungen und Bedenken ernst nehmen, die von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen geäußert werden. Die meisten Unternehmen verfolgen soziale Medien bereits im Hinblick auf Reputationsrisiken und Kundenzufriedenheit; sie sollten ebenso verfahren, um ihre Angestellten zu schützen.

Abschließend müssen Unternehmen offen für die Anliegen ihrer jüngsten Mitarbeiter sein, die die künftige Generation im Büro der Zukunft sein werden. Da mehr Millennials in den Arbeitsmarkt eintreten und Gleichstellung fordern, genießen die jüngsten Mitarbeiter heute schon größeres Mitspracherecht als in früheren Generationen. Einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group zufolge stehen junge männliche Mitarbeiter Themen wie Elternzeit und Vielfalt oft aufgeschlossener gegenüber als ihre Vorgesetzten, was darauf schließen lässt, dass die wahren Akteure in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter tatsächlich aus den Reihen der jüngsten Mitarbeiter kommen könnten.

Forscher der Rutgers University haben gezeigt, dass über 50% der Millennials ein geringeres Gehalt in Betracht ziehen würden, wenn das hieße für ein Unternehmen zu arbeiten, mit dem sie gemeinsame Werte teilen, während die Society for Human Resource Management feststellt, dass 94% der jungen Arbeitskräfte ihre Fähigkeiten zugunsten einer guten Sache nutzen wollen. Anstatt sich gegen diese Trends zu wehren, sollten Firmen darauf setzen das Wohlwollen ihrer jüngsten Nachwuchskräfte zu nutzen.

Damit ein stärker von Gleichstellung geprägtes Arbeitsumfeld entstehen kann, müssen Führungsetagen Narrativen entwickeln, die die Veränderungen unterstützen, die ihre Mitarbeiter fordern. Die Bereitschaft von Prominenten wie Salma Hayek, Rose McGowan und Reese Witherspoon von der sexuellen Belästigung und von Übergriffen zu erzählen, die sie erlebt haben, hat Frauen aus allen Gesellschaftsschichten bestärkt ihr Schweigen ebenfalls zu brechen. Um die Arbeitsplatzkultur zu verändern, wird ähnliche Führungsstärke nötig sein.

Diese Veränderung ist in Sicht, und ich bin begeistert von den Frauen und Männern, die an zukünftige Generationen appellieren, fair und gleichberechtigt zusammenzuarbeiten. Angesichts der Komplexität dieser Themen kann sich schnell ein Gefühl der Überforderung einstellen, aber wenn sich Manager und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Aufbau einer zielgerichteten und von Gleichstellung geprägten Arbeitsumgebung bekennen, ist der Wandel nicht mehr aufzuhalten.

Es mögen Schauspielerinnen aus Hollywood gewesen sein, die die weltweiten Forderungen nach Gleichberechtigung und gegen Sexismus im Berufsleben losgetreten haben, doch die Revolution am Arbeitsplatz ist nicht minder bedeutend für diejenigen für uns, die Jobs abseits vom roten Teppich haben.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/cLohK83/de;

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