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Den hausgemachten Klimawechsel in den Griff bekommen

CAMBRIDGE: Diesen Monat hat die Regierung der Vereinigten Staaten einen bahnbrechenden Bericht über die Einflüsse des langfristigen Klimawechsels auf die amerikanische Gesellschaft und Umwelt vorgestellt. Wie wir bereits wissen, verursachen menschliche Aktivitäten nachhaltige und weitreichende Veränderungen des globalen Klimas, vor allem durch die Folgen der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Öl und Gas und durch die Folgen von Waldrodungen. Diese Tätigkeiten erhöhen die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre, was wiederum einen Anstieg der Durchschnittstemparaturen, des Wasserspiegels der Ozeane, wesentliche Änderungen im Muster der weltweiten Regenfälle und eine Häufung extremer Wettersituationen wie Hurrikane und Dürren zur Folge hat. Die neue US-Studie stellt den ersten systematischen Versuch dar, die langfristigen Konsequenzen dieser Klimaentwicklungen in einem einzelnen Land zu untersuchen. Dieses ist ein Vorhaben von einer solchen Bedeutung und Tragweite, dass schnellstmöglich vergleichbare Studien in anderen Teilen der Welt folgen müssen.

Der neue Bericht "Einflüsse der Klimaveränderung in den Vereinigten Staaten" (“Climate Change Impacts on the United States”, abrufbar auf der Webseite www.gcrio.org) ist eine bemerkenswerte Leistung, obwohl er letztlich nur ein Schritt in einer langfristigen Aufgabe darstellt, das Zusammenwirken von Klima, Umwelt und menschlicher Gesellschaft zu untersuchen. Er wurde von einem riesigen Team von Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachrichtungen und verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten zusammengestellt. Wenn es eine entscheidende Lehre gibt, so ist es die Feststellung, dass eine langfristige Klimaveränderung tatsächlich stattfindet und wahrscheinlich grossen Einfluss auf die US-Gesellschaft hat. Soweit es eine weitere Lehre gibt, so ist es die, dass diese Einflüsse komplex und mannigfaltig sind und sehr stark von den Besonderheiten der jeweiligen Region abhängen. Das was für einen Teil des Landes oder sogar einen Teil der Welt gut ist, kann für einen anderen Teil ein Desaster darstellen.

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Der Bericht betont, dass die Klimaveränderung aus verschiedenen, miteinander verbundenen Einzelteilen besteht. Der steigende Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre (der der Hauptgrund für die Klimaveränderung ist) könnte sogar einige positive Effekte haben, da eine höhere Kohlendioxidkonzentration das schnellere Wachstum von bestimmten Wald- und Getreidesorten anregt. Insofern werden die Auswirkungen auf Temperatur, Regen, Meerspiegel, Fluten und Dürren sowie andere Klimamuster einige Regionen beeinträchtigen, während andere Regionen davon profitieren. Die nördlichen Regionen, zum Beispiel, könnten sich einer längeren Wachstumsperiode für einige Getreidesorten erfreuen, während die südlicheren Regionen, die bereits warm sind, unter den nachteiligen Auswirkungen gestiegener Temperaturen leiden.

Ein wesentliches Novum der Untersuchung ist die Analyse der Einflüsse des Klimawechsels auf verschiedene US-Regionen und auf verschiedene Lebensbereiche, wie die Landwirtschaft, die Gesundheit, das Wassermanagement, die Waldwirtschaft und die Küstenbereiche (von denen viele von steigenden Meerwasserständen überschwemmt und durch die anwachsende Stärke der Stürme zerstört werden). In dem Bericht gibt es deutliche Hinweise auf das, was richtig oder falsch passieren kann, aber auch deutliche Mahnungen, dass eine noch viel mehr wissenschaftliche Arbeit benötig wird, um genauere Ergebnisse zu erreichen. Beispielsweise beruht der Bericht auf zwei verschiedene mathematische Modelle der Atmosphäre. Diese Modelle deuten bezüglich der langfristigen Entwicklungen ähnliches an, liefern doch in den Details häufig sehr unterschiedliche Prognosen. Ebenso ist nur wenig darüber bekannt, wie schnell sich unsere Gesellschaft an die künftigen Veränderungen, insofern wir sie erkennen können, anpassen kann.

Das Problem der Klimaveränderung ist zweifellos eines der weltweit am schwersten anzupackenden Themen. Erstens handelt es sich tatsächlich um ein globales Problem. Ein Land kann sich durch vernünftige Maßnahmen (beispielsweise effektivem Einsatz von Energien) nicht schützen, solange andere Länder nicht ähnlich verfahren. Zweitens ist es ein extrem weitreichendes Problem, da die Klimaveränderungen in den nächsten Jahrzehnten wohl möglich sehr umfangreich sein werden. Drittens handelt es sich um ein sehr kompliziertes Problem. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des langfristigen Klimawandels sind nach wie vor sehr begrenzt und selbst wenn Probleme erkannt werden, sind die Auswirkungen des Klimas auf die Gesellschaft komplex. Und viertens werden die speziellen Interessen der Nationen bei diesem Problem vorausichtsweise stark auseinanderklaffen. Einige Länder sind die Hauptverursacher des Problems; andere sind die Hauptopfer. Die Opfer und die Verursacher werden in aller Warscheinlichkeit nicht die gleichen sein.

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Es ist jetzt für andere Länder von höchster Wichtigkeit, dem Beispiel der US-Studie folgend, auch eine "nationale Betrachtung" der Auswirkungen des langfristigen Klimawechsels vorzunehmen. Es gibt gute wissenschaftliche Gründe für die Annahme, dass infolge der globalen Erwärmung viele tropische Regionen gewaltig mehr Zerstörtung erleiden werden als Länder gemäßigter Zonen, wie die USA. Zum Beispiel könnten die Folgen der weltweiten Erwärmung in Afrika und Indien viel deutlicher hervortreten, obwohl ihre Volkswirtschaften nur sehr wenig zum Gesamtproblem beigetragen haben (so verbrauchen Afrika und Indien so wenig Energie pro Kopf, dass sie auch nur wenig zur Vermehrung des atmosphärischen Kohlendioxids beitragen). Einige Regionen – vor allem die Tropen – könnten die grossen Verlierer dieses Prozesses sein, auch wenn sie für sich genommen nur wenig zur Verursachung der Probleme beigetragen haben.

Paradoxerweise sind es gerade die ärmsten Länder, die die geringsten Ressourcen haben, um die erforderlichen Analysen durchzuführen. Geldgeber, wie die Weltbank, sollten daher bei der Finanzierung solcher Studien helfen. Solange diese Studien nicht durchgeführt sind, könnten sich die armen Länder als Dauer-Opfer der sich verschlimmernden Klimaschocks, wie starken Hurrikans, Dürren oder Fluten, erfahren, ohne dabei zu erkennen, dass diese Fälle nicht zufällig geschehen, sondern das Ergebnis eines langfristigen Verhaltens bei der weltweiten Nutzung der Energien darstellen. Durch ein besseres Verständnis dieser Verbindungen werden arme Länder sehr viel deutlicher erkennen können, wie sie sich vor möglichen Klimaveränderungen in der Zukunft schützen, und ihre eigenen Interessen bei künftigen Verhandlungen über globale Reaktionen auf den Klimawechsel besser vertreten können. Uns wird es im gegenzug helfen, realistischere und vernünftige Antworten auf diese gewaltige Herausforderung zu finden.