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In Kürze: Kapitalismus 3.0

CAMBRIDGE ­– Der Kapitalismus steckt in seiner schwersten Krise seit vielen Jahrzehnten. Eine Mischung aus tiefer Rezession, globalen wirtschaftlichen Verwerfungen und der Verstaatlichung großer Teile der Finanzsektoren in den führenden Industrienationen hat das Gleichgewicht zwischen Märkten und Staaten durcheinander gebracht. Wo sich das neue Gleichgewicht einstellen wird, bleibt abzuwarten.

Doch diejenigen, die den Untergang des Kapitalismus prophezeien, müssen sich einer wesentlichen historischen Tatsache stellen: der Kapitalismus verfügt über die beinahe grenzenlose Fähigkeit, sich selbst neu zu erfinden. Seine Formbarkeit ist der Grund, warum er über die Jahrhunderte regelmäßig wiederkehrende Krisen überstand und Kritiker seit Karl Marx überlebte. Die wahre Frage lautet nicht, ob der Kapitalismus überleben kann - das kann er -sondern, ob die Spitzenpolitiker der Welt über die nötige Führungskraft verfügen, um den Kapitalismus in die nächste Phase zu führen, wenn wir unsere aktuellen Schwierigkeiten eines Tages hinter uns gebracht haben werden.       

Es gibt nichts Gleichwertiges zum Kapitalismus, wenn es darum geht, die kollektive ökonomische Energie menschlicher Gesellschaften freizusetzen. Aus diesem Grund sind alle wohlhabenden Gesellschaften im weitesten Sinn des Wortes kapitalistisch: Sie sind rund um das Prinzip des Privateigentums organisiert und ermöglichen den Märkten, eine wichtige Rolle bei der Ressourcenallokation und der Definition des wirtschaftlichen Nutzens zu spielen. Der Haken dabei ist, dass weder Eigentumsrechte noch Märkte für sich allein funktionieren können. Zu ihrer Unterstützung bedarf es anderer sozialer Institutionen. 

Eigentumsrechte bedürfen gesetzlicher Vollstreckung und Gerichte und Märkte sind auf Regulierungsbehörden angewiesen, die Missbrauch einschränken und Marktversagen beheben. Auf politischer Ebene sind im Kapitalismus Kompensations- und Transfermechanismen nötig, um seine Folgen allgemein annehmbar zu machen. Wie die aktuelle Krise wieder einmal zeigt, braucht der Kapitalismus stabilisierende Elemente wie den Kreditgeber letzter Instanz und die antizyklische Haushaltspolitik. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus erschafft, erhält, reguliert oder stabilisiert sich nicht selbst.