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Das Hirngespinst der Kurzfristigkeit an den Aktienmärkten

CAMBRIDGE – Ein häufig zu vernehmender, in der US-Politik zunehmend geäußerter Refrain ist, dass Amerikas Unternehmen übermäßig durch die kurzfristige Orientierung des Aktienmarktes beeinflusst werden. Obwohl sich die US-Präsidentschaftswahlen derzeit nicht besonders auf grundsätzliche politische Fragen konzentrieren, wird der Wahlkampf in Kürze enden, und dann wird regiert und es werden politische Strategien umgesetzt. Angesichts der Tatsache, dass sowohl Republikaner als auch Demokraten diese kurzfristige Orientierung kritisiert haben, ist es möglich, dass einige dieser Maßnahmen darauf abzielen könnten, diese Kurzfristigkeit zu bekämpfen. Sie dürften kaum etwas bewirken.

Nicht nur wird das Problem der Kurzfristigkeit in trauriger Weise übertrieben, sondern die politischen Vorschläge zu ihrer Bekämpfung sind mit schweren Mängeln behaftet. Man denke etwa an den Vorschlag der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton – den Vizepräsident Joe Biden unterstützt –, die Aktionäre mittels der Kapitalertragssteuer zu ermutigen, ihre Aktien etwas länger zu halten.

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Die Idee, die dahinter steht, ist Folgende: Wenn Aktionäre wie wild mit ihren Aktien handeln, fühlten sich die Konzernleitungen unter Druck gesetzt, in jedem Quartal hohe Erträge zu gewährleisten, damit die Aktienkurse nicht fallen. Investitionen etwa in Forschung und Entwicklung könnten, trotz ihres langfristigen Nutzens, die Aktionäre zum Verkauf animieren und so das Unternehmen mit einem fallenden Aktienkurs bestrafen.

Auf Gewinne aus Aktienverkäufen fällt heute eine ermäßigte Kapitalertragssteuer an, wenn die Aktien ein Jahr oder länger gehalten wurden. Clinton und ihre Berater möchten Kapitalerträge aus dem Verkauf von bis zu zwei Jahre lang gehaltenen Aktien zum normalen Steuersatz besteuern; danach soll der Steuersatz jährlich um vier Prozentpunkte pro Jahr sinken, bis er nach mehreren Jahren den dann aktuellen langfristigen Satz erreicht, der für reiche Investoren in der Spitze 20% beträgt.

Wenn Aktionäre wissen, dass sie langfristig von einem geringeren Steuersatz profitieren, so das Argument, seien sie eher bereit, einem Rückgang in den Quartalserlösen des Unternehmens zu widerstehen. Und mit mehr Spielraum für längerfristiges Denken würden die Führungskräfte Entscheidungen treffen, die sich langfristig rentieren, selbst wenn sie heute kostspielig sind.

Dieser Plan klingt ganz eindeutig vernünftig. Das Problem ist, dass ein sinkender Steuersatz auf Kapitalerträge die meisten Aktionäre nicht am Handel mit Aktien hindern wird; allerhöchstens wird er einige dazu bewegen, weniger häufig Börsengeschäfte zu tätigen. Die Führungskräfte müssen sich trotzdem weiter Sorgen über den Kurs machen, den Aktienhändler ihren Aktien zubilligen.

Natürlich mag es noch andere, gute oder schlechte Effekte haben, die Umschlaggeschwindigkeit beim Aktienhandel zu bremsen. Wenn zu viele finanzielle oder geistige Ressourcen darauf verwendet werden, geringfügig unterbewertete oder überhöhte Kurse zu ermitteln, wäre Clintons Programm möglicherweise eine gute Idee, denn es würde helfen, diese Ressourcen anders zuzuweisen. Wenn allerdings das geringere Handelsvolumen die Märkte schwankungsanfälliger und weniger vorhersehbar macht, dann könnte sich die Besteuerung der Kurzfristigkeit als ein Medikament erweisen, das schlimmer ist als die Krankheit selbst.

So oder so wird Clintons Programm sein erklärtes Ziel, die mit Aktien handelnden und ergo die Aktienkurse festsetzenden Personen nicht dazu anhalten, eine langfristigere Perspektive einzunehmen. Genauso wenig wird es den Unternehmensleitungen ihre Sorgen über die Ergebnisse des nächsten Quartals nehmen. Die Aktienkurse werden trotzdem steigen und fallen.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum der Vorschlag ineffektiv ist: Viele der größten Aktionäre sind Institutionen, die sowieso keine Steuern zahlen, wie etwa Pensionsfonds und Stiftungen. Und viele weitere Aktionäre kaufen und verkaufen innerhalb eines Jahres, obwohl das bedeutet, dass sie den vollen Steuersatz zahlen müssen. Der Zeithorizont ihrer Entscheidungen wird nicht durch eine langfristige Berücksichtigung des vorteilhafteren Steuersatzes beeinflusst werden.

Doch die Tatsache, dass Clintons Plan sein Ziel nicht erreichen wird, ist nicht unbedingt das Ende der Welt. Anders als allgemein angenommen ist eine von den Aktienmärkten herbeigeführte Kurzfristigkeit vermutlich ohnehin kein besonderes wirtschaftliches Handicap. Es gibt eine Menge (allerdings nicht völlig eindeutiger) Hinweise, dass sie nicht annähernd so verbreitet oder so problematisch ist wie viele glauben.

Man betrachte etwa Folgendes: Vier der zehn größten Unternehme in den USA gemessen an der Marktkapitalisierung sind heute Amazon, Apple, Alphabet (Google) und Microsoft. Keinem davon kann man vorwerfen, nicht in Forschung und Entwicklung oder sonstige langfristige, manchmal sogar visionäre Projekte zu investieren. Und der Aktienmarkt unterstützt alle diese Unternehmen gut. Wenn sie das können, dann können es andere auch – und tun es mit Sicherheit auch.

Vereinfacht hat sich die Bekämpfung der Kurzfristigkeit als ein größeres politisches Thema erwiesen, als sie zu sein verdient. Es ist eine Ursache, die nicht deshalb weithin Widerhall findet, weil Kurzfristigkeit die Volkswirtschaft ausbremst, sondern weil der Verweis darauf es rechtfertigt, jene mit einem Interesse an der Bewahrung des Status quo – gut bezahlte Beschäftigte, Unternehmensführer, leitende Manager und Vorstandsmitglieder – vor raschen Veränderungen zu schützen.

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Unterm Strich haben wir größere, dringendere Probleme. Und selbst wenn Kurzfristigkeit ein bedeutendes Problem wäre, würde Clintons Steuervorschlag es nicht lösen. Die gute Nachricht ist, dass der Plan nicht besonders weit oben auf Clintons Tagesordnung steht, was es denkbar erscheinen lässt, dass sie sich im Falle ihrer Wahl nicht gezwungen fühlen wird, ihn umzusetzen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan