Miner Daniel Mihailescu | Getty Images

Jenseits von Kohlenstoffkennzahlen

BERLIN – In den letzten zehn Jahren ist der „Klimawandel“ praktisch zu einem Synonym für „Kohlenstoffemissionen“ geworden. Der Rückgang von Treibhausgasen in der Atmosphäre, gemessen in „Kohlenstoffäquivalenten“ (CO2e), hat sich als vorrangiges Ziel im Bestreben zur Rettung des Planeten herausgeschält. Doch kann ein derart simplifizierender Ansatz die hochkomplexen und miteinander verflochtenen Krisen, vor denen wir gegenwärtig stehen, unmöglich lösen.

Der sture Fokus der globalen Umweltpolitik auf CO2 spiegelt eine allgemeinere Besessenheit mit Messungen und Buchhaltung wider. Die Welt beruht auf Abstraktionen – Kalorien, Kilometern, Kilos und jetzt Tonnen CO2e –, die scheinbar objektiv und zuverlässig sind, besonders wenn sie in „Fachsprache“ (häufig Wirtschaftssprache) eingebettet sind. Infolgedessen neigen wir dazu, die historischen Auswirkungen jeder dieser Abstraktionen zu übersehen, und auch die Dynamik der Macht und Politik, die sie weiterhin formen.

Ein zentrales Beispiel einer machtvollen und einigermaßen unrealistischen globalen Abstraktion ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das nach dem Zweiten Weltkrieg als wichtigste Kennzahl für die Wirtschaftsentwicklung und -leistung eines Landes eingeführt wurde. Damals bauten die Weltmächte internationale Finanzinstitutionen auf, die die relative Wirtschaftsmacht widerspiegeln sollten. Heute jedoch hat sich das BIP zu einer Quelle weit verbreiteter Frustration entwickelt, weil es die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht abbildet. Wie das Fernlicht eines Autos können Abstraktionen eine Menge beleuchten, aber zugleich dazu führen, dass das, was außerhalb ihres Lichtkegels liegt, unsichtbar wird.

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