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Zivilisierte Gespräche

PARIS: Was bedeutet es, „zivilisiert“ zu sein? Hoch gebildet zu sein, einen Schlips zu tragen, mit der Gabel zu essen oder sich einmal pro Woche die Fingernägel zu schneiden reicht offensichtlich nicht aus. Wir alle wissen, dass in dieser formalen Weise „zivilisiert“ zu sein Menschen nicht davon abhält, sich wie Barbaren aufzuführen. Zivilisiert zu sein bedeutet, überall und jederzeit in der Lage zu sein, die Menschlichkeit anderer zu erkennen und zu akzeptieren – trotz unterschiedlicher Lebensformen.

Dies mag offensichtlich erscheinen, wird jedoch nicht universell anerkannt. Die Vorstellung eines Dialogs zwischen Zivilisationen trifft in der Regel auf positive Resonanz, wird manchmal aber auch verspottet. Das Nachwort von Elie Barnavis aktueller Streitschrift Mörderische Religion ist überschrieben: Gegen den „Dialog der Kulturen“. Barnavis Argumentation ist unerbittlich: „Es gibt auf der einen Seite die Zivilisation und auf der anderen Seite die Barbarei. Ein Dialog zwischen beiden ist unmöglich.“

Doch betrachtet man diese Argumentation genauer, ist der Fehler darin unmittelbar offensichtlich. Die Bedeutung der Begriffe Zivilisation und Kultur unterscheidet sich sehr, je nachdem, ob man sie im Singular oder in der Pluralform verwendet. Kulturen (Plural) bezeichnet die Lebensformen, die verschiedenen Menschengruppen sich zu Eigen machen, und umfasst alles, dass deren Mitglieder gemein haben: Sprache, Religion, Familienstrukturen, Ernährung, Kleidung usw. In diesem Sinne ist „Kultur“ eine beschreibende Kategorie, der keinerlei Werturteil innewohnt.

Zivilisation (Singular) ist dagegen eine bewertende moralische Kategorie: das Gegenteil der Barbarei. Daher ist ein Dialog zwischen den Kulturen für die Zivilisation nicht nur nützlich, sondern unverzichtbar. Ohne ihn ist Zivilisation nicht möglich.