China's Tibet Autonomous Region Xinhua/Purbu Zhaxi via Getty Images

Tibet muss wieder auf die Tagesordnung

WASHINGTON, DC – Als Peking 2001 als Gastgeber der Olympischen Sommerspiele von 2008 ausgewählt wurde, waren die Erwartungen hoch, dass Chinas Verhalten im Bereich der Menschenrechte sich im internationalen Rampenlicht verbessern würde. Selbst chinesische Regierungsvertreter prognostizierten einen Wandel; Pekings Bürgermeister äußerte damals, die Ausrichtung der Spiele würde „sich zugunsten der weiteren Entwicklung unserer Sache der Menschenrechte auswirken“.

Doch zehn Jahre später bleibt China eines der illiberalsten Länder der Welt. Ethnische Minderheiten werden ins Visier genommen, Kritiker des Regimes landen im Gefängnis, und Reformversprechen waren bisher praktisch bedeutungslos. Als tibetischer politischer Dissident bin ich ein lebender Beweis für diese Realität.

Im Dezember 2017 kam ich nach mehr als sechsjähriger Haft in chinesischen Gefängnissen in den USA an. Ich erlitt Prügel und Folter wegen des „Verbrechens“, Tibeter nach ihrer Meinung über die chinesische Führung gefragt zu haben.

Als Junge waren mir die chinesischen Repressionen in Tibet nur schemenhaft bewusst. Erst Anfang der 1990er Jahre, als ich erstmals die tibetische Hauptstadt Lhasa besuchte, verstand ich, was es bedeutete, Ziel chinesischer Besetzung zu sein. Im Jahr 1992, als ich 18 war, sah ich zu, wie Mönche aus dem Kloster Ganden in Lhasa ins Gefängnis gezerrt wurden, weil sie religiöse und politische Freiheit forderten. Viele verbrachten Jahre im Gefängnis, weil sie es gewagt hatten, ihre Stimme gegen China zu erheben, und als ich älter wurde, gelobte ich, ebenfalls nicht stumm zu bleiben.

Mein erster Aufenthalt in einem chinesischen Gefängnis war mit meiner Arbeit Anfang der 2000er Jahre verknüpft, als ich begann, Bücher in tibetischer Sprache zu drucken und zu verbreiten. Ich betrachtete diese Texte als wichtige Lektüre zur tibetischen Politik, Kultur und Religion. Die chinesischen Behörden jedoch sahen darin einer Herausforderung ihrer Herrschaft und bestraften mich entsprechend.

Als die Olympischen Spiele von 2008 nahten, begann ich, nach neuen Wegen zu suchen, um die Geschichte meines Volkes aufzuzeichnen. Damals begannen Freunde und ich mit der Planung eines Dokumentarfilms – der letztlich unter dem Titel Leaving Fear Behind erschien – über die Wünsche und Hoffnungen der Tibeter.

What do you think?

Help us improve On Point by taking this short survey.

Take survey

Im Winter 2007 ließen wir unsere Furcht zurück und reisten durch Tibet, mit Kameras in den Händen. Um das Vertrauen der von uns Befragten zu gewinnen, zeigten wir ihnen DVDs von der Verleihung der goldenen Ehrenmedaille des US-Kongresses an den Dalai Lama durch Präsident George W. Bush im Oktober 2007. Interview für Interview äußerten die Tibeter ihren Wunsch, dass der Dalai Lama nach Tibet zurückkehren möge, und teilten ihre Frustrationen, dass die Vorphase der Olympischen Spiele nicht zu größerer Freiheit geführt hatte.

Am 26. März 2008 holte mich meine Arbeit ein: Ich wurde von der chinesischen Geheimpolizei verhaftet. Nachdem ich einmal in Haft war, begann gleich die Folter. Tagelang wurde ich gezwungen, im „Tigerstuhl“ zu sitzen, einem Immobilisierungsgerät, das genutzt wird, um Gefangene während der stundenlangen Befragungen zu hindern, sich zu bewegen. Während dieser Sitzungen sagte man mir, dass ich freigelassen würde, wenn ich zugäbe, dass mein Filmprojekt ungesetzlich sei. Doch ich weigerte mich, in dem festen Glauben, dass ich nichts Falsches getan hatte.

Letztlich wurde ich wegen „Untergrabens der Staatsmacht“ zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Im Laufe meiner Haft wurde ich oft verlegt und gezwungen, stundenlang ohne Pause körperliche Arbeit zu leisten. In einem Gefängnis (in Xining) verschlechterte sich mein Gesundheitszustand, nachdem ich mich mit Hepatitis B infiziert hatte. Doch erst nach meiner Freilassung im Juni 2014 war ich in der Lage, mich behandeln zu lassen.

Selbst ohne Gitter um mich herum blieb ich eingesperrt. Ich wurde unter Hausarrest gestellt, und meine Kontakte zur Außenwelt wurden streng überwacht. Ich wollte nichts weiter tun als lernen, meine Tibetischkenntnisse verbessern und eine Arbeit finden. Doch in weiten Teilen Tibets sind für Tibeter selbst einfache Träume unerreichbar; für viele ist Flucht die einzige Option.

Meine lange, gefährliche und teure Reise in die Freiheit endete letztes Jahr am Weihnachtstag, als ich in San Francisco ankam und dort wieder mit meiner Familie vereint wurde (sie hatte China Jahre zuvor zum eigenen Schutz verlassen). Aus verschiedenen Gründen muss ich über die Einzelheiten meiner Flucht Stillschweigen bewahren, doch es ist kein Geheimnis, dass viele Menschen überall auf der Welt mir halfen. Ranghohe Persönlichkeiten in den USA, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden forderten China wiederholt auf, mich freizulassen, und ich bin überzeugt, dass dieser Druck der Grund ist, warum ich weniger Prügel erhielt und geringfügig besser behandelt wurde als meine Zellengenossen.

Leider sind viele andere Tibeter noch immer wegen ihrer Ansichten inhaftiert. Auch sie brauchen Unterstützung. Wie ich US-Abgeordneten während einer Anhörung vor dem Kongress im Februar erklärte, haben die westlichen Regierungen die Menschen in Tibet lange unterstützt. Doch nun, da China an wirtschaftlicher und politischer Macht gewonnen hat, lässt diese Unterstützung zunehmend nach.

Die Tibeter sind keine Verhandlungsmasse, um ein aufstrebendes China zu beschwichtigen; obwohl die chinesischen Behörden in Wut geraten, wenn demokratische Regierungen uns unterstützen, dürfen unsere Wünsche und Hoffnungen nicht aus Gründen politischer Opportunität weggetauscht werden. Eine Möglichkeit, wie die Regierung von Präsident Donald Trump sich wieder zur US-Unterstützung bekennen könnte, wäre die Ernennung eines Sonderkoordinators für tibetische Angelegenheiten, ein durch den Tibet Policy Act von 2002 vorgeschriebenes Amt, das seit Trumps Amtsantritt unbesetzt ist. Der Kongress sollte zudem den Reciprocal Access to Tibet Act – eine Gesetzeslösung zur Förderung positiver Veränderungen in Tibet – verabschieden und die Freilassung aller tibetischen politischen Gefangenen verlangen.

Seit dem Ende der Spiele von 2008 ist fast ein Jahrzehnt vergangen. Doch während die chinesische Regierung nicht mehr viel über Menschenrechte spricht, darf die internationale Gemeinschaft nie damit aufhören. Ich kann versichern, dass die Tibeter innerhalb Tibets ihren Kampf nicht aufgegeben haben – selbst wenn weniger Menschen zuhören.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/DsgAVHQ/de;

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated cookie policy and privacy policy.