0

Chinas Opferrollensyndrom

In China findet derzeit ein Wettkampf um die Seele des riesigen Landes statt, bei dem zwei starke Kräfte und zwei völlig unterschiedliche Haltungen gegenüber der Außenwelt aufeinander treffen. Der Ausgang wird große Auswirkungen darauf haben, ob es China gelingt, eine Nation zu werden, die wirklich konstruktive und dauerhafte Beziehungen mit der Außenwelt unterhalten kann.

Auf der einen Seite hat Chinas wirtschaftliche Revolution dazu beigetragen, das Land in der Welt als ein selbstbewusstes und unermüdliches Handelszentrum, eine verantwortungsvollere globale Macht und sogar als eine beruhigende militärische Präsenz zu positionieren. Auf der anderen Seite bleibt China seiner Vergangenheit und einer Mentalität verhaftet, die von dem Gefühl durchdrungen ist, ungerecht behandelt zu werden. Das verführt dazu, die Schuld für interne Probleme zu „exportieren“.

Die eigentliche Frage ist, ob China es schafft, dem Sog dieses alten psychologischen Syndroms zu entkommen – das es das ganze 20. Jahrhundert hindurch mit lähmenden Gefühlen der Schwäche, Unsicherheit und Erniedrigung beschäftigt hielt – und sich selbst von einer neuen Sichtweise der Welt und sogar alter Feinde leiten zu lassen.

Die antijapanischen Demonstrationen sind ein Symptom des alten Syndroms und werden von einem Groll angeheizt, der aus einer Zeit stammt, in der China tatsächlich verletzt und gedemütigt wurde. Bei Chinas wachsender wirtschaftlicher Schlagkraft, seinem steigenden Lebensstandard und seiner zunehmend angesehenen Stellung in der Welt sollte man hoffen, dass die Chinesen und ihre Machthaber eine Möglichkeit finden, die Vergangenheit zu begraben. Doch selbst während die Welt vom Glanz des „chinesischen Wunders“ geblendet wird, scheinen die Chinesen das dunkle Gefühl, schikaniert zu werden, nicht hinter sich lassen zu wollen.