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Wie sich ein Handelskrieg vermeiden lässt

CAMBRIDGE – Dem gesunden Menschenverstand und den Ansichten von Wirtschafts- und Finanzeliten zum Trotz scheint US-Präsident Donald Trump die Aussicht auf einen Handelskrieg zu genießen. Am 6. Juli traten seine jüngsten Handelsbeschränkungen in Kraft: Zölle von 25% auf chinesische Importe im Wert von etwa 34 Milliarden Dollar. Die Reaktion darauf waren Vergeltungszölle in gleicher Höhe auf US-Exporte nach China. Trump hat weitere Maßnahmen gegen China sowie Zölle auf Auto-Importe aus Europa angedroht. Und es bleibt die Möglichkeit, dass sich die USA unter seiner Führung aus dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) zurückziehen werden, falls Mexiko und Kanada nicht zustimmen, dieses gemäß seinen Wünschen anzupassen.

Der Arbeiterschicht, die zu seiner Wahl beigetragen hat, hilft Trumps reflexartiger Protektionismus wenig. Enttäuschte Republikanische Kongressabgeordnete und unzufriedene Unternehmen, die ihn in anderen Fragen unterstützt haben, könnten ihn noch immer Grenzen setzen. Doch wer wie ich in Bezug auf Trumps Handelspolitik dachte, dass bellende Hunde nicht beißen, kommt inzwischen ins Grübeln darüber, wohin all dies führen könnte.

Doch bevor wir uns zu sehr von Katastrophenszenarien hinreißen lassen, sollten wir auch die Anreize anderer Länder bedenken. Trump mag sich durchaus einen Handelskrieg wünschen, aber allein kann er ihn nicht haben. Ein Handelskrieg erfordert, dass andere Länder Vergeltungs- und Eskalationsmaßnahmen einleiten. Und es gibt zwingende Gründe, warum sie das lassen sollten.

Im Basisszenario kommt es zu Vergeltungsmaßnahmen beim Handel, weil Länder wirtschaftliche Gründe für eine Abkehr von niedrigen Zöllen haben. Die kanonische historische Erfahrung entfaltete sich während der frühen 1930er Jahre, als viele Länder in der Großen Depression gefangen waren – mit hoher Arbeitslosigkeit und unzureichenden politischen Gegenmitteln. Eine antizyklische Fiskalpolitik war noch nicht in vogue – John Maynard Keynes’ Allgemeine Theorie erschien erst 1936 –, während der Goldstandard die Geldpolitik völlig nutzlos machte.

Unter diesen Umständen war Handelsprotektionismus für jedes Land für sich betrachtet durchaus sinnvoll, denn er verlagerte die Nachfrage weg von ausländischen Waren und trug daher dazu bei, die Beschäftigung in den betreffenden Ländern zu stützen. (Für alle Länder zusammen hatte der Protektionismus natürlich katastrophale Folgen; die Verlagerung der Ausgaben eines Landes wurde durch die Verlagerungen anderer Länder mehr als ausgeglichen.)

Ökonomen ziehen noch ein weiteres Szenario in Betracht, das sich auf die sogenannten Terms-of-Trade-Effekte von Zöllen konzentriert. Durch Beschränkung der Handelsvolumina können große Länder oder Regionen die Preise, zu denen sie auf den Weltmärkten konkurrieren, zu ihrem Vorteil manipulieren. Insbesondere würde ein Einfuhrzoll die Weltmarktpreise für eingeführte Waren nach unten drücken und zugleich ihre Preise inklusive Zoll anheben – wobei dann das Finanzministerium des betreffenden Landes die Differenz einstreicht.

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Keines dieser Szenarien ergibt heute besonders viel Sinn. Europa und China sind nicht besonders daran interessiert, die Weltmarktpreise ihrer Importe zu drücken, und auch nicht an den daraus resultierenden Staatseinnahmen. Auch Beschäftigungsgesichtspunkte sind kein großes Thema. Während einige Länder im Euroraum unter hoher Arbeitslosigkeit leiden, lässt sich durch protektionistische Maßnahmen für diese Länder nichts erreichen, was eine expansive Fiskal- oder Geldpolitik (Letztere durch die Europäische Zentralbank) nicht besser bewerkstelligen könnte.

Falls Europa, China und andere Handelspartner Vergeltungsmaßnahmen gegen Trumps Zölle einleiten, verringern sie damit lediglich ihre eigenen Handelsgewinne, ohne irgendwelche Vorteile des Protektionismus zu genießen. Und sie täten Trump einen Gefallen, indem sie seinen Beschwerden über die „unfaire“ Handelspolitik anderer Länder gegenüber den USA bei oberflächlicher Betrachtung zu einer gewissen Plausibilität verhülfen. Die übrige Welt würde sich mit höheren Handelsschranken ins eigene Fleisch schneiden.

Zudem können Europa und China, wenn sie ein regelgestütztes multilaterales Handelssystem beibehalten wollen (so wie sie das geäußert haben), Trumps Unilateralismus nicht übernehmen und die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie müssen sich an die Welthandelsorganisation (WTO) wenden und auf deren formelle Autorisierung warten, um Gegenmaßnahmen einzuleiten, ohne die Erwartung darauf, dass es eine schnelle Lösung gibt oder dass Trump dem letztlichen Schiedsspruch viel Respekt entgegenbringen wird.

Kurz gesagt: Sowohl Eigeninteresse als auch Prinzipien sprechen für Zurückhaltung und nicht für (sofortige) Vergeltungsmaßnahmen. Dies ist der Zeitpunkt, an dem Europa und China Haltung zeigen müssen. Sie sollten sich weigern, sich in einen Handelskrieg hineinziehen zu lassen, und Trump sagen: Es steht euch frei, eure eigene Volkswirtschaft zu beschädigen; wir werden weiterhin die Politik verfolgen, die für uns am besten ist.

Vorausgesetzt, dass die anderen Länder nicht überreagieren, muss Trumps Protektionismus nicht so teuer werden, wie viele Darstellungen das nahelegen. Der Wert des Handels, der durch die aus Trumps Handelspolitik resultierenden Maßnahmen und Gegenmaßnahmen abgedeckt wird, hat bereits 100 Milliarden Dollar erreicht, und Shawn Donnan mutmaßt in der Financial Times, dass er schon bald den Betrag von einer Billion überschreiten könnte: 6% vom Welthandel. Das ist viel. Aber die Voraussetzung dafür sind Vergeltungsmaßnahmen, und dazu muss es nicht kommen.

Wichtiger noch: Was wirklich zählt sind Einkommen und Wohlstand, nicht der Handel per se. Selbst wenn das Handelsvolumen einbricht, muss darunter die Wirtschaftsentwicklung insgesamt nicht großartig leiden. Einige europäische Airlines favorisieren Boeing gegenüber Airbus, und einige US-Airlines geben Airbus den Vorzug gegenüber Boeing. Die Handelsbeschränkungen könnten zu einem völligen Zusammenbruch bei diesem großen Volumen des wechselseitigen Handels mit Flugzeugen zwischen den USA und Europa führen. Doch der wirtschaftliche Wohlfahrtsverlust insgesamt wäre gering, solange die Airlines die Produkte der beiden Unternehmen als weitgehend austauschbar ansehen.

Ich will damit nicht die Kosten kleinreden, die bestimmten europäischen und chinesischen Unternehmen entstehen können, wenn sich der US-Markt stärker abschottet. Doch für jeden Exporteur, der gezwungen ist, sich um alternative Märkte zu bemühen, könnte sich einem anderen heimischen Betrieb eine neue wirtschaftliche Chance bieten. Mit zunehmendem Schrumpfen des US-Handels wird es auch weniger amerikanische Wettbewerber und weniger Konkurrenz aus den USA geben.

Ökonomen argumentieren in der Regel in umgekehrter Richtung, wenn sie davor warnen, sich in übertriebener Weise auf die aus einem freieren Handel resultierenden Verlierer zu konzentrieren, und sie schimpfen auf die Neigung, die Nutznießer auf der Exportseite zu übersehen. Sie sollten sich jetzt nicht demselben Irrglauben hingeben, indem sie ignorieren, dass der US-Protektionismus mit Sicherheit auch einige Nutznießer in anderen Ländern hervorbringt.

Trumps Protektionismus könnte sehr wohl noch zu einem globalen Handelskrieg führen, mit letztlichen wirtschaftlichen Folgen, die sehr viel schwerwiegender sind als die Selbstbeschädigung, die er derzeit nach sich zieht. Doch wenn das passiert, wird es genauso sehr eine Folge von Fehlkalkulationen und Überreaktionen aufseiten Europas und Chinas sein wie von Trumps Torheit.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/wEIIDm8/de;

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