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Ein neues Machtgleichgewicht aus der Sicht Chinas

SHANGHAI – Die letzte mit den USA rivalisierende Supermacht, die Sowjetunion, brach 1991 zusammen. Aber abgesehen von ihrer militärischen Stärke war die UdSSR niemals wirklich mächtig genug, um ein Gegengewicht zum Einfluss der USA zu bilden. In den späten 1980er Jahren schien es, als ob Japan in der Lage wäre, die Führerschaft Amerikas im Bereich der Industrie in Frage zu stellen, aber in den 1990er Jahren verlor Japan seinen Wettbewerbsvorsprung. China wünscht sich vielleicht, selbst eine tragende Kraft in einer multipolaren Welt zu sein, aber dazu fehlt es dem Land insgesamt an Gewicht. Angesichts dieser Realität sieht China die Europäische Union als denkbares Gegengewicht zu unkontrollierter amerikanischer Macht.

Hinsichtlich der Wirtschaftsleistung steht die EU heute auf einer Stufe mit den USA. Aber Europa muss erst noch ein schlagkräftiges Verteidigungssystem aufbauen, das wirksam auf unvorhergesehene lokale Ereignisse oder globale Erfordernisse reagieren kann. Was wären nun die Stärken eines derartigen Systems, wenn es zustande kommt, und wie würde es im Vergleich zu den USA aussehen?

Um Amerikas Stärke beurteilen zu können, verfolgt China die Diskussionen in den Vereinigten Staaten über die Vorteile einer unipolaren oder multipolaren Welt mit größtem Interesse. Manche Amerikaner favorisieren ein unipolares, von den USA dominiertes System. Eine derartige Pax Americana käme zwar dem Land billiger, aber die Welt hätte Bedenken, ob Amerika möglicherweise eine falsche Strategie verfolgt, wie das im Irak der Fall war.

Selbstverständlich haben die USA das Recht, sich gegen die Terroristen zur Wehr zu setzen, die für die Anschläge des 11. September 2001 verantwortlich sind. Aber der „Krieg gegen den Terror“ war keine Rechtfertigung, einen souveränen Staat anzugreifen und seine Regierung zu stürzen, und dies auf Grundlage einer falschen Annahme, wonach der Irak Massenvernichtungswaffen besessen und mit den Anschlägen im Jahr 2001 etwas zu tun gehabt hätte.