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Der Kampf um die richtige Ernährung

DRESDEN – In welchem Umfang sollten Regierungen Suchtverhalten regulieren oder besteuern? Dies ist eine Frage, die seit langem in vielen Ländern weltweit den Rahmen der öffentlichen Debatte über Alkohol, Tabak, Glücksspiel und andere Waren und Dienstleistungen bestimmt. Und nun hat sich die Debatte in den USA – die wohl der Inbegriff der globalen Konsumkultur sind – dem Kampf gegen die Fettleibigkeitsepidemie bei Kindern zugewandt.

Es ist ironisch, dass sich in den hochentwickelten Volkswirtschaften die kindliche Fettleibigkeit zu einem der großen Gesundheitsprobleme entwickelt hat, während viele Entwicklungsländer noch immer unter kindlicher Mangelernährung leiden. Laut Schätzungen der Weltbank leiden etwa in Indonesien mehr als ein Drittel aller Kinder unter Wachstumsstörungen, was sie der Gefahr lebenslanger Auswirkungen auf ihre Fitness und kognitive Entwicklung aussetzt. Doch macht das Leid mangelernährter Kinder in den Entwicklungsländern die Fettleibigkeit in den hochentwickelten Ländern nicht weniger problematisch.

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Auch wenn sie vielleicht nicht auf eine Stufe mit der globalen Erwärmung und der sich anbahnenden Wasserknappheit steht, ist die Fettleibigkeit – und besonders die kindliche Fettleibigkeit – eine der wichtigsten Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, vor denen die hochentwickelten Länder im 21. Jahrhundert stehen, und sie wirkt sich verstärkt auch auf viele Schwellenländer aus. Doch eine Lösung für sie zu finden, stellt uns – verglichen mit den erfolgreichen Interventionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit im vergangenen Jahrhundert wie der nahezu universellen Impfung, der Fluoridierung des Trinkwassers und den Sicherheitsbestimmungen für Kraftfahrzeuge – vor sehr viel größere Herausforderungen.

Die Frage ist, ob es realistisch ist, auf einen Erfolg zu hoffen, sofern die US-Regierung nicht zu sehr viel rigoroseren Mitteln greift als jenen, zu deren Einsatz sie derzeit bereit scheint. Angesichts der enormen Auswirkungen der Fettleibigkeit auf die Kosten im Gesundheitswesen, die Lebenserwartung und die Lebensqualität ist dies ein Thema, das unsere dringende Aufmerksamkeit verdient.

Die USA sind weltführend, was die Fettleibigkeit angeht, und stehen an vorderster Front der Debatte. Fast alle stimmen überein, dass die erste Verteidigungslinie eine bessere Bildung der Verbraucher sein sollte. Michelle Obamas Bildungskampagne „Let’s Move“ zielt darauf ab, die kindliche Fettleibigkeit innerhalb einer Generation zu beseitigen, obwohl ihre Wirksamkeit bisher ungeklärt ist. Andere Bemühungen umfassen Appelle von Prominenten wie Starkoch Jamie Oliver und Versuche zum zielgruppengestützten Lernen etwa im Rahmen der von der Sesamstraße inspirierten (und von meiner Frau ins Leben gerufenen) Plattform Kickin’ Nutrition.

Doch obwohl sie beim Kampf gegen die Fettleibigkeit unverzichtbar ist, ist es alles andere als klar, ob Bildung allein ausreicht. Wir haben es heute mit einem Ernährungsumfeld zu tun, das durch Großkonzerne mit tiefen Taschen beherrscht wird, die jeden Anreiz haben, übermäßigen Konsum zu kultivieren. Kommerzielle an Kinder gerichtete Fernsehprogramme stecken voller Werbung für industriell verarbeitete Lebensmittel, die für die menschliche Gesundheit von zweifelhaftem Wert sind. Und jedem Prominenten, der dem Kampf gegen die Fettleibigkeit seine Zeit opfert, stehen Dutzende gegenüber, die für viel Geld Produkte wie stark zuckerhaltige Getränke – womöglich der Tabak unserer Generation – verhökern. Es ist für NGOs schwer, mit Produktionswerten zu konkurrieren, wie sie Beyoncés Fernsehwerbung für Pepsi oder Taylor Swifts Werbung für Diet Coke verkörpern.

Die Ursachen von Fettleibigkeit sind komplex, und die menschliche Verhaltenswissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen; trotzdem ist es keine Übertreibung, das Problem als Epidemie zu bezeichnen. Laut dem Center for Disease Control and Prevention sind rund 18% aller Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren in den USA nicht nur übergewichtig, sondern fettleibig.

Die von dieser Epidemie ausgehenden Risiken sind Legion, doch das Hauptrisiko ist, dass sich die kindliche Fettleibigkeit ins Erwachsenalter fortsetzt, wo sie mit deutlich erhöhten Risiken für Diabetes und Herzerkrankungen einhergeht. Tatsächlich schätzen Experten, dass mehr als 18% aller Erwachsenen in den hochentwickelten Volkswirtschaften fettleibig sind. Noch schockierender sind Schätzungen, wonach rund 9% aller Amerikaner – und ein ähnlicher Anteil der Erwachsenen weltweit – Diabetes haben.

Doch ist es für Politiker gefährlich, die großen Lebensmittelkonzerne zurückzudrängen. Als der beliebte Ex-Bürgermeister von New York City Michael Bloomberg versuchte, Großportionen zuckerhaltiger Getränke zu verbieten, lehnte die Öffentlichkeit dies ab – vom Berufungsgericht des Staates New York gar nicht zu reden –, und das trotz der Unterstützung durch medizinische Experten. Viele Kommentatoren, und zwar selbst solche, die Bloombergs Ziel aufgeschlossen gegenüberstanden, argumentierten, es sei falsch, das Verbraucherverhalten derart rigoros gesetzlich zu regeln. Doch betrachtet man andere erfolgreiche Bemühungen zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit in den letzten 50 Jahren – etwa Rauchverbote, gesetzliche Regelungen zur Einführung von Sicherheitsgurten, und Geschwindigkeitsbeschränkungen –, so stellt man fest, dass Gesetzgebung hier Bildungsmaßnahmen normalerweise ergänzte.

Ein weniger stark einengender Ansatz zur Beeinflussung von Ernährungsentscheidungen könnte darin bestehen, eine Verkaufssteuer auf alle industriell verarbeiteten Lebensmittel – nicht nur auf zuckerhaltige Getränke – zu erheben, und nicht industriell verarbeitete Lebensmittel durch eine gegenläufige Subvention zu fördern. Langfristig würden einkommensschwache Familien (die am häufigsten unter Fettleibigkeit leiden) am meisten profitieren. Und kurzfristig würden alle Einkommenseffekte durch erhöhte Transferleistungen ausgeglichen. Ich habe zusammen mit den Medizinwissenschaftlern David Ludwig und Dariush Mozaffarian einen Rahmen für einen derartigen Ansatz entworfen.

Natürlich sind einige industriell verarbeitete Lebensmittel deutlich schädlicher als andere. Eine komplexere Unterteilung in verschiedene Kategorien ist möglich, und selbstverständlich sollte man andere Ideen überprüfen und diskutieren. Aber unser Ansatz hat den wichtigen praktischen Vorteil, dass er einfach ist. Was man begreifen muss, ist vor allem, dass die US-Konsumkultur von einer Lebensmittelindustrie beherrscht wird, die die natürliche Freude der Menschen am Essen ausnutzt und (in vielen Fällen) in etwas verwandelt, das suchterregend und zerstörerisch ist. Jeder Besucher der USA kann die Allgegenwärtigkeit des Problems ohne Weiteres erkennen.

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Der richtige Ansatzpunkt zur Lösung des Problems besteht in der Schaffung eines besseren Gleichgewichts zwischen Bildung und der Desinformation durch die Wirtschaft. Aber Lebensmittel sind derart suchterregend und das Umfeld begünstigt ein ungünstiges Ergebnis derart, dass es Zeit ist, über umfassendere staatliche Interventionen nachzudenken. Dazu sollten auf jeden Fall deutlich höhere Ausgaben für die öffentliche Bildung gehören. Allerdings vermute ich, dass eine langfristige Lösung eine stärkere direkte Regulierung umfassen muss, und es ist nicht verfrüht, mit der Diskussion der Modalitäten zu beginnen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan