ECB protests Daniel Roland/Stringer via Getty Images

Zentralbanker außer Rand und Band?

PRAG – Pauschale Kritik an den Notenbanken der Industrieländer ist neuerdings voll im Trend. Diese zielt im Wesentlichen in folgende Stoßrichtung: Die geldpolitischen Entscheidungsträger sind seit 2008 viel zu aktivistisch gewesen, überschreiten ihre Mandate und schaden der Wirtschaft. Diese Darstellung – die merkwürdigerweise bei ansonsten unversöhnlichen ideologischen Kontrahenten, wie etwa Libertären und Neomarxisten, gleichermaßen beliebt ist – ist schlicht und einfach falsch.

Die Kritiker begreifen nicht, dass moderne Zentralbanken nicht nur für die Inflationsbekämpfung verantwortlich sind, sondern für die Gewährleistung der langfristigen Preisstabilität. Ähnlich der Körpertemperatur eines Menschen verursacht sowohl ein zu hohes als auch ein zu niedriges Preisniveau schwerwiegende Komplikationen. Zentralbanken müssen bei der Bekämpfung der Deflation infolge schwacher Nachfrage ebenso „aktivistisch“ sein, wie bei der Bekämpfung einer hohen Inflation aufgrund überhöhter Nachfrage.

Obwohl Zentralbanken gleichermaßen gegen Abweichungen in beide Richtungen kämpfen, werden sie von der Öffentlichkeit verblüffend einseitig beurteilt, vor allem in Ländern mit finanziell konservativer Bevölkerung. So auch in meiner Heimat, der Tschechischen Republik, einer Nation von Kleinsparern, in der das Verhältnis von Krediten zu Kundeneinlagen weit unter 100% bleibt. Die Tschechen fürchten die Inflation, obwohl sie im vergangenen Jahr so niedrig war wie zuletzt vor 13 Jahren und die Tschechische Nationalbank, deren Vizegouverneur ich bin, seit 2013 die Gefahr einer Deflation bekämpft.

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