6

Kataloniens gefährliche Illusionen

BARCELONA – Die anstehenden Parlamentswahlen in Katalonien könnten Spaniens reiche nordöstliche Region zum ersten sezessionistischen Staat der Europäischen Union machen. Doch je wahrscheinlicher es wird, dass die Separatisten eine Mehrheit der Sitze erringen könnten, desto lauter melden sich die Gegner einer Sezession zu Wort. Den katalonischen Normalbürgern wird zunehmend klar, dass sie die Zeche für die Unabhängigkeit zahlen würden, während alle Vorteile einer zunehmend mächtigen Bildungselite zugutekämen.

Die Radikalisierung Kataloniens erscheint rätselhaft. Im Jahr 1978 stimmten überwältigende 90,5% der Katalanen (drei Prozentpunkte mehr als der Landesdurchschnitt) für die spanische Verfassung, die den einzelnen Regionen Selbstbestimmung in wichtigen Bereichen wie Polizei, Bildung, Gesundheit und Rundfunk gewährt. Während der vergangenen 37 Jahre hat Katalonien einen nie dagewesenen Wohlstand erlebt. Warum sind die Katalanen nun willens, mit Spanien zu brechen und das alles aufs Spiel zu setzen?

Die meisten Analysten glauben, dass der Separatismus in wirtschaftlichen Faktoren wurzelt. Die reichen Katalanen, die die ärmeren Regionen Spaniens nicht subventionieren wollen, haben sich mit der radikalen Linken verbündet, die sich jenem nationalistischen Populismus verschrieben hat, den die Wirtschaftskrise und die Misere am Rand der EU angeheizt haben.

Kataloniens Separatisten behaupten, dass ein kleiner, offener Staat innerhalb der EU und der NATO nicht nur lebensfähig, sondern unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftsleistung und des sozialen Zusammenhalts sogar optimal sei. Doch die Kosten des Übergangs wären enorm, und es gibt ernste Zweifel, ob ein derartiges Land in der EU bleiben oder auch nur kurzfristig wieder in sie eintreten könnte, wenn es sich gerade erst einseitig von einem anderen EU-Mitgliedstaat abgespalten hat.