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Pflege und die moralische Verarmung der Medizin

CAMBRIDGE, MASS.: Die Pflege wird von den Ökonomen als „Belastung“, von klinischen Psychologen als „Bewältigungsprozess“, von Forschern im Bereich der Gesundheitsdienste unter dem Aspekt der Pflegekosten und von Ärzten als Frage klinischer Kompetenz angesehen. Doch für viele Menschen ist Pflege eine grundlegende Komponente moralischer Erfahrung. Sie ist eine Ausübung von Anerkenntnis, empathischer Vorstellungskraft, Bezeugung, Verantwortlichkeit, Solidarität und den konkretesten Formen der Unterstützung. Es ist dieser moralische Aspekt, der dazu führt, dass sich Pflegende und manchmal sogar Gepflegte „präsenter“ fühlen – und damit also menschlicher.

Doch abgesehen von der Krankenpflege durch Fachpersonal, den Reha-Bemühungen von Ergo- und Physiotherapeuten und der praktischen Unterstützung durch Sozialarbeiter und Haushaltshilfen für Kranke hat die zeitgenössische medizinische Praxis, insbesondere was die Opfer von gesundheitlichen Katastrophen und Leiden im Endstadium angeht, mit Pflege relativ wenig zu tun.

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Lassen Sie mich Ihnen, um diesen Punkt zu veranschaulichen, meine persönliche Erfahrung als Pfleger meiner Frau schildern, die an einer schweren degenerativen Störung des Nervensystems leidet, welche ihr Gedächtnis und ihre motorischen Fähigkeiten geschädigt hat und so ihre Unabhängigkeit einschränkt. Ich wecke sie morgens auf, helfe ihr beim Toilettengang, Baden und Anziehen, mache uns Frühstück und helfe ihr, sich selbst zu füttern. Ich helfe ihr beim Gehen, beim Hinsetzen auf ihren Stuhl und beim Einsteigen in unserer Auto. Ich bin fast die ganze Zeit bei ihr, um sie vor Verletzungen zu bewahren, denn sie kann weder sehen, noch findet sie sich auf der Straße oder bei uns im Haus zurecht.

Es ist verstörend, den Verfall einer einst eleganten, geistig lebendigen und hochgradig unabhängigen, mehr als vier Jahrzehnte langen Gefährtin zu erleben. Doch unsere Gefühlsreaktionen – von Frustration und Ärger bis hin zur Trauer – werden durch unsere Arbeit, den langen Rhythmus unserer gemeinsamen Tage und vor allem die Unterstützung der Familie und enger Freunde abgefedert und sublimiert. Diese Sorge und Verantwortung für uns ist genauso Teil der Pflege wie all die profanen Tätigkeiten, die ich oben aufgeführt habe, und läuft auf eine moralische Solidarität mit unseren Mühen hinaus.

Ich habe dieses persönliche Bild für Sie gezeichnet, weil mir kein besserer Weg einfällt, um zu veranschaulichen, was Pflege bedeutet und warum sie so unverzichtbar für unser aller Leben und unser menschliches Dasein im Allgemeineren ist. Pflege umfasst – wie durch unseren Fall gezeigt –, was passiert, wenn Hoffnung und Trost schwinden, die Theodizee endet und nichts weiter bleibt, als dem Leidenden Gesellschaft zu leisten und sein Leid zu teilen, indem wir einfach (gewöhnlich stumm) da sind.

Sowohl während der Jahre des Erwerbs grundlegender Fachkenntnisse an der medizinischen Fakultät als auch während der Zeit als Assistenzarzt jedoch wird das größte Gewicht auf ein Verständnis von biologischen Krankheitsprozessen und Apparatemedizin gelegt. Und je weiter der Student vom Hörsaal hin zur Station und zur Unterweisung am Krankenbett fortschreitet, desto weniger pädagogische Aufmerksamkeit erhält die Krankheitserfahrung.

Im breiteren System der medizinischen Versorgung können die Studenten leicht erkennen, dass die Medizin die praktischen und emotionalen Pflegeaufgaben überwiegend Krankenschwestern, Sozialarbeitern sowie dem Patienten und seinem Unterstützernetz überlässt. Die Struktur der Leistungserbringung und Finanzierung im Gesundheitswesen führt dazu, dass der Arzt von der Kunst der Pflege abgehalten wird, und kann seine Anstrengungen tatsächlich untergraben.

Das Ergebnis ist die moralische Verarmung medizinischer Praxis. Aus der Sicht medizinischer Anthropologen leben Menschen überall im Fluss zwischenmenschlicher Interaktionen innerhalb lokaler Welten – in sozialen Netzen, Familien, Institutionen und Gemeinwesen. Das heißt, Erfahrung, betrachtet als der Fluss von Wörtern, Bewegungen und Gefühlen zwischen uns, ist nicht allein von lokaler, sondern zudem per se moralischer Beschaffenheit, denn worum es in unserem Leben geht, ist, Werte mit Leben zu füllen und umzusetzen.

Für Patienten und Familien, die sich gesundheitlichen Katastrophen und ernsten chronischen Leiden ausgesetzt sehen, ist die Leidenserfahrung nicht nur eine persönliche Erfahrung, sondern wird zugleich stark durch kulturelle und historische Veränderungen jener Prozesse beeinflusst, die dazu betragen, dass sich eine moralische Lebensführung in unterschiedlichen Zeitaltern und Gesellschaften unterschiedlich darstellt. Angesichts drohender Schmerzen, Entstellung, Funktionsverluste und schwerer Behinderungen geben Betroffene und Familienangehörige der Leidenserfahrung innerhalb ihrer lokalen moralischen Welt einen neuen Rahmen, indem sie Bedeutungen, Gefühle und Werte mittels ethischer, religiöser und ästhetischer Aktivitäten umgestalten.

Auch Ärzte greifen, genau so wie Laien, im Rahmen der Pflege auf persönliche und kulturelle Ressourcen zurück, die Vorstellungskraft, Verantwortung, Sensibilität, Einsicht und Kommunikation einbinden. Und was sie tun, ist ein Amalgam ethischen, ästhetischen, religiösen und praktischen Handelns. Die inzwischen so sehr von bürokratischen, politischen und wirtschaftlichen Kräften umschriebene ärztliche Kunst ist sowohl von der Professionalisierung dieser per se menschlichen Ressourcen als auch der Einwirkung ihres routinemäßigen Einsatzes auf das eigene moralische Leben des Arztes abhängig.

Um sich auf eine berufliche Laufbahn in der Pflege vorzubereiten, bedürfen Medizinstudenten und junge Ärzte ganz eindeutig einer Ergänzung ihrer wissenschaftlichen und technologischen Ausbildung. Tatsächlich lässt sich die aktuelle berufliche Ausbildung sogar als etwas ansehen, das den Arzt zwar zum technischen Experten macht, ihm zugleich jedoch die Fähigkeit zur Pflege nimmt.

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Um diesen Trend zu überwinden, müssen wir die Geisteswissenschaften in die medizinische Ausbildung einbinden – als Mittel, um jene menschlichen Erfahrungen der Vorstellungskraft und des Engagements, die für die Pflege unverzichtbar sind, zu neu zu entzünden und zu vertiefen und der ein Versagen der ärztlichen Kunst verursachenden Bürokratisierung von Werten und Gefühlsreaktionen zu widerstehen. Im Wesentlichen muss der Arzt das Gefühl bekommen, dass es genau so sehr um die Kunst der Pflege geht wie um die Wissenschaft und Technologie von Diagnose und Behandlung.

Aus meiner Sicht brauchen wir eine Reform der Kultur der zeitgenössischen Biomedizin selbst. Wir müssen Studenten und Ärzte in kritischer Selbstreflexion hinsichtlich der Grenzen ihrer Pflege, in Strategien und Techniken zur Öffnung eines Raums für moralisches Handeln in der Pflege und in besonders konkreten und praktischen Akten der Unterstützung anleiten, damit sie nie vergessen, was Pflege tatsächlich bedeutet.