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Des Kapitalismus neue Kleider

MELBOURNE – Ist die globale Finanzkrise eine Gelegenheit, eine neue Form des Kapitalismus auf der Grundlage intakter Werte zu schaffen?

Das scheinen der französische Präsident Nicholas Sarkozy und der ehemalige britische Premierminister Tony Blair zu denken. Bei einem Symposium mit dem Titel „Neue Welt, neuer Kapitalismus“ in Paris letzten Monat beschrieb Sarkozy den auf Finanzspekulation basierenden Kapitalismus als „ein unmoralisches System“, das „die Logik des Kapitalismus pervertiert“ habe. Er argumentierte, der Kapitalismus müsse moralische Werte finden und eine stärkere Rolle des Staates akzeptieren. Blair forderte eine neue Finanzordnung, die auf anderen Werten „als dem maximalen kurzfristigen Profit“ beruhen solle.

Es überrascht, wie bereitwillig Politiker aller Parteien – selbst starke ideologische Befürworter des unregulierten Marktes – die Idee akzeptierten, dass der Staat die Banken und Versicherungsunternehmen retten sollte, als sie in Schwierigkeiten gerieten. Mit Ausnahme einer geringen Anzahl ideologisch überzeugter Vertreter des freien Unternehmertums waren wenige bereit, die Risiken einzugehen, die sich ergäben, wenn man die großen Banken zusammenbrechen ließe.

Wer weiß, was die Folgen gewesen wären? Viele fürchteten Massenarbeitslosigkeit, eine Flutwelle von Bankrotten, Millionen von Familien, die aus ihren Häusern geworfen würden, ein bis zum Zerbersten gespanntes soziales Netz und vielleicht sogar Unruhen und ein Wiederaufleben des politischen Extremismus, der Hitler während der Depression der 30er Jahre in Deutschland an die Macht brachte.