0

Können wir Depressionen bekämpfen?

Wenn Sie bei Medline - der größten medizinischen Datenbank im Internet - den Begriff „mood disorder" (Deutsch: affektive Störung) eingeben, so erhalten Sie nahezu 62.000 Treffer. Wenn Sie ihre Suche auf randomisierte kontrollierte Studien beschränken, die allgemein als zuverlässigste Indikatoren für die Wirksamkeit einer Behandlung gelten, so werden immer noch mehr als 3.200 Treffer angezeigt.

Bedenkt man die enormen weltweiten Auswirkungen, die Depressionen auf die Gesundheit, die Kosten im Gesundheitswesen und das Arbeitsvermögen haben, dann sollte die Menge der Daten eigentlich optimistisch stimmen. Betrachtet man die einzelnen Studien jedoch genauer, so wird schnell deutlich, dass die Mehrzahl von ihnen sich mit den mit Depressionen verbundenen physiologischen, metabolischen oder biochemischen Störungen befasst. Für die Beantwortung der Frage, welche Patienten mit welchen Therapien über welchen Zeitraum behandelt werden sollten, erweisen sich die Ergebnisse dieser Studien in keiner Weise als hilfreich.

Chicago Pollution

Climate Change in the Trumpocene Age

Bo Lidegaard argues that the US president-elect’s ability to derail global progress toward a green economy is more limited than many believe.

Natürlich bleiben noch immer etwa 1.500 Studien, die eine Vielzahl von Behandlungsformen untersuchen: Psychopharmaka, Elektrokrampftherapie, Vollspektrumlicht, sportliche Betätigung, Psychotherapien und sogar Akupunktur. Und es stimmt, dass viele dieser Studien die kurzfristigen (und teilweise auch die langfristigen) Auswirkungen der verschiedenen Behandlungsformen dokumentieren - bei einer im Allgemeinen annehmbaren Balance zwischen Wirksamkeit und Sicherheit.

Wenn viele Millionen Menschen eine bestimmte Gruppe von Medikamenten verschrieben bekommen - nicht nur gegen Depressionen, sondern auch gegen eine Vielzahl anderer psychischer Probleme - so ist es nur normal, wenn einige von ihnen unter unerwünschten Nebenwirkungen leiden. Für pauschale Behauptungen, dass Antidepressiva gefährlich, suchterregend oder in anderer Weise schädlich seien, gibt es jedoch keine überzeugenden Belege. Berichte über schwere Nebenwirkungen bei Erwachsenen sind selten; erheblich anfälliger allerdings scheinen unter Depressionen leidende Kinder und Jugendliche zu sein.

Das möglicherweise größte Hindernis auf dem Weg zu einer wirksameren Behandlung besteht darin, dass die diagnostische Kategorie „schwere Depression" ein so heterogenes Krankheitsbild bezeichnet, dass sie bei der Aufstellung von Behandlungsplänen für einzelne Patienten eigentlich nutzlos ist. Natürlich ist der Schweregrad der Depression von offensichtlicher Bedeutung, aber nur wenige Therapiestudien verwenden dieses Kriterium. Ein weiterer Kandidat für Therapiestudien wäre die Melancholie, eine Unterform der Depression, die mit einer größeren Anzahl biologischer Anomalien einhergeht; nur wenige solche Studien jedoch wurden bisher durchgeführt.

Die meisten Medikamentenstudien werden von Pharmaunternehmen gefördert, die dabei primär das Ziel verfolgen, sich die für die Vermarktung ihrer Produkte erforderlichen Lizenzen zu sichern. Um das Verfahren zu beschleunigen, werden die Patienten über Werbeanzeigen gesucht, und viele Studien werden an Spezialunternehmen vergeben, die am langfristigen Wohl der Patienten kaum oder gar nicht interessiert sind. Bei vielen Studien werden diese Unternehmen pro angeworbenem Patienten bezahlt, unabhängig davon, ob die einzelnen Patienten bis zum Ende an der Studie beteiligt sind oder nicht. Es kann deshalb kaum überraschen, dass die Abbrecherquoten hoch sind und nach sechs Wochen häufig bei über 50 % liegen.

Gescheiterte Studien - also solche, die keine signifikanten Unterschiede zwischen aktivem Wirkstoff und Plazebo belegen - sind häufig. Dies liegt offensichtlich nicht im Interesse der solche Studien finanzierenden Unternehmen, hat jedoch bisher nicht zu wesentlichen Veränderungen bei der Art und Weise geführt, wie diese Studien durchgeführt werden.

Da die Pharmaunternehmen wollen, dass ihre Medikamente wirken, sind sie in der Regel kaum daran interessiert, was zu tun ist, wenn die Wirkung ausbleibt. Dies ist selbst dort der Fall, wo bekanntermaßen nur zwei Drittel aller Patienten auf ein bestimmtes Medikament ansprechen und noch wesentlich weniger vollständig geheilt werden.

Kliniker in aller Welt sehen sich deshalb täglich mit Fragen konfrontiert, welche Medikamente sie verabreichen sollen, aber die Grundlage empirischer Daten, auf der sie ihre Entscheidung treffen müssen, ist erschreckend dünn. Derzeit wird eine Reihe größer, staatlich finanzierter Studien durchgeführt, und es besteht Hoffnung, dass diese innerhalb der nächsten paar Jahre die wissenschaftliche Grundlage für solche Entscheidungen stärken werden.

Ein weiterer wichtiger Bereich, über den wir kaum etwas wissen, betrifft das Maß, in dem in einem speziell auf die psychisch Kranken zugeschnittenem Umfeld erzielte Resultate auf die medizinische Grundversorgung übertragbar sind, im Rahmen derer die Mehrzahl der Patienten mit Depressionen behandelt wird. Dabei geht es weniger um die Behandlungsmethoden, da Patienten mit einem ähnlichen Schweregrad unabhängig vom Behandlungsumfeld auf relativ ähnliche Weise auf eine Behandlung ansprechen sollten. Unsicherheit besteht vor allem darüber, ob die in der Psychiatrie behandelte chronische Verlaufsform schwerer Depressionen in ähnlicher Weise in der Grundversorgung auftritt. Falls dies der Fall ist, so sollte vermutlich eine sehr viel größere Zahl von Patienten langfristig mit Antidepressiva behandelt werden. Darüber hinaus gilt es, das enorme Problem der Einnahme entsprechend ärztlicher Verordnung zu lösen, das in ähnlicher Form bei jeder prophylaktischen medizinischen Behandlung auftritt.

Schließlich stellt sich die Frage, ob der enorme Anstieg bei der Verschreibung von Antidepressiva und die größere Verfügbarkeit von kurzfristigen Psychotherapien, Selbsthilfehandbüchern und über das Internet erhaltbaren Hilfen irgendwelche positiven gesundheitlichen Auswirkungen haben. Auch hier liegen nur widersprüchliche oder vorläufige Daten vor; einige davon weisen in Verbindung mit dem zunehmendem Einsatz von Antidepressiva auf eine Abnahme in der Zahl der Suizidfälle hin. Dies jedoch trifft nicht für alle Länder oder Altersgruppen zu, deshalb müssen auch andere Faktoren eine Rolle spielen.

Fake news or real views Learn More

Ein aussagekräftigerer - und erschreckender - Indikator ist, dass krankheitsbedingte Fehlzeiten und Frühpensionierungen aufgrund von Depressionen in vielen westlichen Ländern zunehmen. Darüber hinaus kommt es bei Kindern und Jugendlichen zunehmend früher zur ersten depressiven Episode, was darauf hindeutet, dass der Erforschung der Primär- und Sekundärprävention ein größeres Gewicht zugemessen werden sollte.

Auf der Ebene der Gesamtbevölkerung ist der Kampf gegen die Depressionen noch nicht gewonnen. Die gute Nachricht allerdings ist, dass für den einzelnen unter Depressionen leidenden Patienten die Chance auf eine vollständige Genesung hoch ist, vorausgesetzt, dass wirksame Behandlungsformen auf fachkundige und beharrliche Weise eingesetzt werden.