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Kann die Demokratie in der Ukraine Fuß fassen?

Die Vielfalt der Regierungsformen, die Russland, Polen, Litauen und Österreich-Ungarn im Lauf der Jahrhunderte während ihrer jeweiligen Herrschaft über das Gebiet der heutigen Ukraine einsetzten, macht natürlich die Schaffung eines klassischen „Nationalstaates" mit einer vorherrschenden Kultur schwer vorstellbar. Man betrachte beispielsweise die Robustheit der russischen Sprache und die Stärke der Orthodoxen Kirche - Moskauer Patriarchat - im ostukrainischen Donezk und die Kraft der ukrainischen Sprache und den Einfluss der ukrainischen Griechisch-Orthodoxen Kirche in Lviv in der Westukraine.

Auch bei Spanien, Indien, Belgien und der Schweiz handelt es sich um konsolidierte Demokratien, die dennoch nicht dem klassischen Modell eines Nationalstaates entsprechen. Tatsächlich sind multiple, sich aber dennoch ergänzende Identitäten in allen vier Ländern die Norm.

Diese multiplen Identitäten entwickelten sich, weil der demokratische Staat über allen Bürgern, ungeachtet ihrer Religion, Sprache oder Kultur ein „Dach" aus gleichen Rechten errichtete. Dies trug zur Entwicklung eines starken Identitätsgefühls mit der politischen Gemeinschaft im Staat bei. Diese zutiefst pluralistischen Länder sind keine „Nationalstaaten" im klassischen Sinne, sondern eher das, was ich als demokratische „Staatsnationen" bezeichne.

Während des jüngsten Präsidentschaftswahlkampfes wurde vielerorts darauf hingewiesen, dass eine Aussöhnung zwischen den „zwei Ukrainen" unmöglich wäre. Die Polarisierung war allerdings nie eine konstanter Faktor in der Geschichte der unabhängigen Ukraine. Im Gegenteil, die Ukraine kommt einer „Staatsnation" näher als viele denken. Überdies werden ihre Aussichten, sich zu einer konsolidierten Demokratie zu entwickeln noch dadurch verbessert, dass die politischen Eliten - und die meisten gewöhnlichen Ukrainer - die Vorstellung, ein klassischer „Nationalstaat" zu sein, vermeiden.