1

Der digitale Weg aus der Armut

KOPENHAGEN – Worauf sollte die Weltgemeinschaft in den nächsten 15 Jahren ihr Hauptaugenmerk legen? Die Bereiche Gesundheit, Ernährung und Bildung erscheinen als die offensichtliche  Wahl. Überraschenderweise besteht jedoch auch ein starkes Argument dafür, den Breitband-Internetzugang zur obersten Priorität zu erheben.

Man bedenke ein simples Faktum: Eine Verdreifachung des mobilen Internetzugangs in den nächsten 15 Jahren könnte die Entwicklungsländer um 22 Billionen Dollar reicher machen. Eine derartige Verbesserung der Lebensbedingungen und der Verdienstmöglichkeiten armer Menschen könnte indirekt auch bei der Bewältigung anderer Herausforderungen helfen. Schließlich sind wohlhabendere Menschen in der Regel gesünder, besser ernährt und verfügen über einen höheren Schulabschluss.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Diese Diskussion ist durchaus von Bedeutung, da sich die 193 nationalen Regierungen dieser Welt im September bei den Vereinten Nationen einfinden werden, um die Erstellung einer Liste von Entwicklungszielen abzuschließen, die bis 2030 erreicht werden sollen. Um bei dieser Konferenz die beste Auswahl zu treffen, hat meine Denkfabrik - der Copenhagen Consensus - 60 Teams von Ökonomen, darunter mehrere Nobelpreisträger, um die Beantwortung der Frage gebeten, welche Ziele den höchsten Nutzen pro ausgegebenem Dollar bringen würden.

Im Rahmen einer neuen Untersuchung weisen Emmanuelle Auriol und Alexia Lee González Fanfalone von der Toulouse School of Economics darauf hin, dass der Ausbau des Breitband-Internetzugangs eine der besten Investitionen für die Zukunft sein könnte. Mit der raschen Entwicklung von Breitbanddiensten hat sich das Leben der Menschen in den Industrieländern ganz offensichtlich verändert; es gibt also allen Grund zur Annahme, dass die Entwicklungsländer zumindest in gleichem Ausmaß davon profitieren könnten.

Mit dem Zugang zu Marktinformationen kann beispielsweise sichergestellt werden, dass Bauern, die ihre Ernteüberschüsse verkaufen wollen, nicht auf skrupellose Händler hereinfallen und dass Fischer ihren Fang in dem Hafen anbieten können, wo die besten Preise zu erzielen sind.  Aus einem McKinsey-Bericht geht hervor, dass der Ausbau des mobilen Breitband-Internets in den Entwicklungsländern bis zu dem in den Industrieländern vorherrschenden Niveau für einen jährlichen Anstieg des globalen BIPs um 400 Milliarden Dollar sorgen würde und damit über zehn Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.  

In ähnlicher Weise hat auch die Weltbank gezeigt, dass eine Steigerung der Breitbandversorgung um 10 Prozent in Ländern niedrigen bis mittleren Einkommens zu einem BIP-Wachstum von 1,4 Prozent führen würde.  Daraus ist abzuleiten, dass man mit der  Überwindung der bestehenden digitalen Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern   der Entwicklung enorme Impulse verleihen könnte. Die mobile Breitbandversorgung liegt in den Industrieländern bei 83 Prozent, wohingegen der entsprechende Wert in den Entwicklungsländern lediglich 21 Prozent beträgt.

Während die Regierungen in Europa und anderswo weiterhin in schnelleres und besseres Breitband-Internet investieren, profitieren jene Menschen am stärksten vom Ausbau dieser Dienste, die bislang über keinen Internetanschluss verfügen – wobei die meisten davon in Entwicklungs- und Schwellenländern leben. Tatsächlich können die Entwicklungsländer die  Stadien des Ausbaus, wie sie in den Industrieländern erforderlich waren, überspringen und sofort mobiles Breitbandinternet einführen – und sich damit auch die Verlegung kostspieliger Glasfaserkabel für die „letzte“ Meile – oder den Zugangspunkt – des Netzwerkes ersparen. 

Die Nutzung von Mobiltelefonen breitet sich in den Entwicklungsländern bereits stark aus, wodurch eine fix installierte Infrastruktur im alten Stil überflüssig ist. Datendienste können sich des gleichen Systems bedienen. In China gehen bereits drei Viertel aller Internetnutzer über ihre Mobiltelefone online. In Äthiopien und Uganda sind es vier Fünftel.  Angesichts der Verbreitung des Mobilfunks und der jüngsten technischen Fortschritte im Bereich mobiler Netzwerke scheint die Einführung des mobilen Breitbandinternets also eine kostengünstige Lösung darzustellen.  

Die Studie von Auriol und Fanfalone zeigt, dass eine Verdreifachung der mobilen Breitbandversorgung in den Entwicklungsregionen – von 21 auf 60 Prozent – zwar erhebliche Kosten im Ausmaß von 1,3 Billionen Dollar verursacht, da es eines beträchtlichen Maßes an zusätzlicher Infrastruktur bedarf, um etwa drei Milliarden Internetanschlüsse herzustellen.  Allerdings wird diese Maßnahme auch einen Anstieg des BIP-Wachstums bewirken. Bis 2020 wird der jährliche Nutzen beinahe 500 Milliarden Dollar betragen und er würde jedes Jahr weiter steigen. Der gesamte Nutzen über die nächsten Jahrzehnte wäre mit etwa 22 Billionen Dollar zu beziffern. Somit würde jeder in den Entwicklungsländern für den Ausbau des mobilen Breitbandinternets investierte Dollar einen geschätzten Gewinn von 17 Dollar bringen. Das klingt nach einer wirklich klugen Investition.

Natürlich handelt es sich bei Breitband-Internet um eine derart bedeutende Innovationstechnologie, dass eine Prognose hinsichtlich ihrer gesamten wirtschaftlichen Auswirkungen schwierig ist, da diese abhängig von lokalen Gegebenheiten auch unterschiedlich ausfallen werden. Sehr wohl zeigt die Auriol-Fanfalone-Studie jedoch, dass der Ausbau des Internetzugangs eine überaus lohnende Investition ist. Direkt werden dadurch  Arbeitsplätze in den Unternehmen geschaffen, die das Netz zur Verfügung stellen und indirekt auch in der Lieferkette. Nach Abschluss des Ausbaus trägt Breitband-Internet zur Schaffung von Arbeitsplätzen in anderen Bereichen der Wirtschaft bei. Unternehmen werden effizienter und innovativer. Alle diese Faktoren steigern das Tempo des Wirtschaftswachstums.

In den am wenigsten entwickelten Ländern kann Breitband-Internet neben den direkten Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen weitere überaus wichtige Vorteile bringen. In diesen Ländern leben neunhundert Millionen Menschen, von denen lediglich 6,7 Prozent das Internet nutzen, wie Pantelis Koutroumpis vom Imperial College London aufzeigt. Andererseits verwenden beinahe 60 Prozent dieser Menschen ein Mobiltelefon. Sie könnten von Smartphones mit einfachen Anpassungen profitieren, die  man für eine Reihe von Screening-Tests im Gesundheitsbereich einsetzen könnte (beispielsweise für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, HIV und andere Erreger oder Malaria), wobei man die Ergebnisse direkt an die Krankenhäuser senden würde, damit diese umgehend reagieren. 

Doch für die am wenigsten entwickelten Länder bestehen noch weitere mögliche Vorteile durch mobiles Breitband-Internet. Über das Internet könnte man Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen und die Schulausbildung verbessern. Und es wäre möglich bedarfsorientierte Echtzeit-Transportdienste für abgelegene Gebiete einzurichten.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Das Internet stellt in der modernen Welt von heute eine bedeutsame Ressource dar und der Breitband-Zugang entwickelte sich zu einer maßgeblichen Technologie, die verspricht, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, die Menschen aus der Armut zu befreien und ihre Situation in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Bildung zu verbessern. Wenn die Regierungen die nächste Liste globaler Entwicklungsziele ausarbeiten, besteht nun ein starkes Argument dafür, den Breitband-Internetzugang darin aufzunehmen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier