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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit – Großbritannien und die EU

BERLIN – Ketten pflegen in der Regel am schwächsten Glied zu reißen, wenn man sie über Gebühr belastet – das gilt im übertragenen Sinne auch für die „Kette“ namens EU. Und so ging alle Welt wie selbstverständlich von der Annahme aus, dass wenn es zum Beginn des Desintegrationsprozesses der EU kommen sollte, dieses schwächste Glied in der europäischen Kette vor allem im krisengeschüttelten europäischen Süden zu suchen sein wird, Griechenland vorneweg.  Dies war ein Irrtum.

Denn wie der erstaunte Beobachter jetzt feststellen muss, spricht alles dafür, dass die europäische Kette nicht an ihrem schwächsten, sondern an ihrem zurzeit irrationalsten Glied reißen könnte – an Großbritannien!

Ausgerechnet das Mutterland von Pragmatismus und Realismus, das Land einer unerschütterlichen Festigkeit in seinen Grundsätzen und zugleich hohen Anpassungsfähigkeit an veränderte Umstände, das Land, das in stoischer Ruhe sein Empire aufgegeben hat, nachdem es zuvor allein und später mit seinen Alliierten Europas Freiheit und Ehre gegen Nazi-Deutschland erfolgreich verteidigt hatte – ausgerechnet Großbritannien verliert sich jetzt, inmitten der schwersten europäischen Krise, in den ideologischen Wunschwelten einer euroskeptischen Konservativen Partei.

Denn es liegen ja nicht eine veränderte Interessenlage des Landes und schon gar nicht fundamentale Verschiebungen innerhalb der EU vor, sondern es handelt sich ausschließlich um parteipolitische und wahltaktische Gründe: Ein Premierminister, der zu schwach ist, um seine ca. 100 antieuropäischen Hinterbänkler im Unterhaus kontrollieren zu können, eine „High Tea Party“ sozusagen, und eine Tory-Partei, die den Aufstieg der noch europakritischeren UK Independent Party fürchtet, da diese zwar bei Wahlen nicht gewinnen, den Torys aber so viele Stimmen auf dem rechten Flügel abnehmen könnte, dass Labour davon Vorteil hätte.