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Wo Europa noch lebt

LWIW – Der Ausgang des Brexit-Referendums im Vereinigten Königreich hat die Bevölkerung in ganz Europa schockiert. Besonders erschütternd war es, die Reaktionen in der westukrainischen Stadt Lwiw zu verfolgen – einer Hochburg der Begeisterung für die Europäische Union.

In einer Zeit, in der verantwortungslose Opportunisten und Populisten im Vereinigten Königreich den Institutionen ihres Landes, und der Europäischen Union, mit der Abrissbirne kommen, versuchen ukrainische Reformer, etwas Neues aufzubauen. Im Gegensatz zur britischen Leave-Kampagne für den Austritt, die mit erfundenen Gefahren der Einwanderung hausieren ging, um für ihre Sache zu werben, sind Aktivisten in der Ukraine sehr realen Bedrohungen ausgesetzt, während sie auf einen zivilgesellschaftlichen Rahmen hinarbeiten, der dem internen Druck durch Oligarchen und der externen Einflussnahme aus Russland standhalten kann.

Historisch erinnert uns Lwiw, vielleicht mehr als jede andere Stadt, an Europas Fähigkeit zur Selbstzerstörung. Jeder Pflasterstein und jede Fassadenverzierung rund um die malerischen Plätze der Stadt ist stummer Zeuge des Blutvergießens, das den Aufstieg und Fall von Imperien begleitet hat. Und dennoch lässt sich in Lwiw Hoffnung schöpfen für das Versprechen Europas.

Lwiw ist eine zutiefst anti-russische und pro-europäische Stadt, aber nichtsdestotrotz jeden Sommer fünf Tage lang Gastgeberin des Alfa Jazz Festivals, das von einer russischen Bank gesponsert wird. In einer Zeit, in der von Frieden zwischen Russland und der Ukraine noch keine Rede sein kann, tummeln sich politische Entscheidungsträger, ansässige Bürger, Angehörige der ukrainischen Diaspora und sogar einige Russen in den Straßen von Lwiw, um sich an Weltklasse-Jazz zu erfreuen.