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Die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit

LONDON – Die Verfechter eines Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union behaupten, ihr Land würde durch einen derartigen Schritt mehr Freiheit und auch mehr Wohlstand erlangen. Sie argumentieren, Großbritannien könne nach einem „Brexit“ mit der EU rasch ein maßgeschneidertes Abkommen aushandeln, in dem alle Vorteile des Freihandels ohne die Kosten der EU-Mitgliedschaft verankert wären. Außerdem könnte man mit anderen Ländern bessere Handelsvereinbarungen treffen und enormen Nutzen ziehen, wenn man die mühsamen EU-Regulierungen losgeworden ist. Das ist allerdings ein Irrglaube.

Tatsächlich hätte ein Brexit enorme wirtschaftliche Kosten zur Folge. Die Ungewissheit und Diskontinuität eines schleppenden und zweifellos erbitterten Scheidungsverfahrens würden Investitionen und Wachstum hemmen. Eine dauerhafte Trennung würden zu einem Rückgang in den Bereichen Handel, Auslandsinvestitionen und Migration führen sowie dem Wettbewerb, dem Produktivitätswachstum und dem Lebensstandard schaden. Und aufgrund seiner „Unabhängigkeit“ hätte Großbritannien keinen Einfluss mehr auf künftige EU-Reformen, von denen man profitieren würde – insbesondere auf die Vollendung des Binnenmarktes für Dienstleistungen.

Das Centre for Economic Performance der London School of Economics beziffert die langfristigen Kosten für Großbritannien aufgrund des geringeren Handelsvolumens mit der EU auf bis zu 9,5 Prozent des BIP, während sich der Rückgang der Auslandsinvestitionen auf 3,4 Prozent des BIP oder noch mehr belaufen könnte. Alleine diese Kosten stellen die potenziellen Gewinne aufgrund eines Brexits schon in den Schatten. Großbritanniens Nettobeitrag zum EU-Haushalt betrug im letzten Jahr lediglich 0,35 Prozent des BIP und die Entsorgung von EU-Regulierungen brächte auch nur begrenzt Vorteile, da der britische Arbeitsmarkt und auch der Gütermarkt ohnehin bereits zu den freiesten Märkten der Welt gehören.

Der Austrittsprozess würde zu einer Verlängerung der Unsicherheit führen. Offiziell soll er zwei Jahre dauern, aber wahrscheinlich wird er wohl viel mehr Zeit in Anspruch nehmen. In den 1980er Jahren brauchte man drei Jahre, um den Austritt Grönlands (Einwohnerzahl: 50.000) zu verhandeln und das einzige strittige Thema damals war die Fischerei. Die Herauslösung Großbritanniens (der zweitgrößten Volkswirtschaft der EU mit einer Bevölkerungszahl von 64 Millionen) wäre doch weit komplexer.