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Brexit aus deutscher Sicht

MÜNCHEN – Am 23. Juni 2016 entscheidet eine Volksabstimmung im Vereinigten Königreich, ob das Land in der EU bleibt oder austritt. Zur Wahl gehen dürfen nur die britischen Wähler. Die Folgen werden aber in ganz Europa, ja weltweit zu spüren sein. Für Deutschland wären die Folgen eines Brexit gravierend.

Die deutsche Öffentlichkeit ist uneinig. Auf der einen Seite unterstützen viele Deutsche die britische Kritik an der EU und erwarten von einem Brexit erhebliche Nachteile für Deutschland. Vertreter der Gegenposition sagen, dass man Reisende nicht aufhalten soll – sie werfen David Cameron vor, in der EU Rosinenpickerei zu betreiben und halten einen Brexit für verschmerzbar.

Tatsächlich hat Deutschland wirtschaftlich bei einem EU-Austritt Großbritanniens sehr viel zu verlieren und so gut wie nichts zu gewinnen. Erstens würde ein Brexit die Investitionen multinationaler Unternehmen verändern. Großbritannien einen Exodus von Firmen erleben, die einen EU-Standort suchen. Dass Deutschland profitieren würde, folgt daraus aber nicht. Viele US-Unternehmen, die heute ihren EU-Standort in Großbritannien haben, werden eher ins englischsprachige Irland ausweichen. Außerdem würde die kleinere EU insgesamt weniger attraktiv als Investitionsstandort. Das würde auch Deutschland schaden. Hinzu kommt, dass Großbritannien durch weniger Regulierungen und niedrige Steuern attraktiver für Investitionsprojekte werden könnte, die nicht unbedingt in der EU angesiedelt müssen. Das würde Investitionen in Deutschland ebenfalls reduzieren.

Zweitens könnte London als Finanzplatz an Bedeutung verlieren. Aber das bedeutet nicht, dass Frankfurt gewinnt. Derzeit dominiert London in Europa, obwohl das Land nicht Mitglied der Eurozone ist. Räumliche Nähe zur EZB ist offenbar kein großer Vorteil.  In der EU würde nach einem Brexit der politische Druck steigen, London als Finanzplatz aus dem Geschäft zu drängen. Ob das die führende Rolle Londons wirklich gefährden kann, ist unklar. Die Finanzindustrie scheint das nicht zu erwarten. Die deutsche Börse beispielsweise hat angekündigt, dass die geplante Fusion mit der London Stock Exchange unabhängig davon stattfinden wird, ob der Austritt kommt. Selbst wenn er kommt, werden die Geschäfte teils an außereuropäische Plätze wie New York oder Hong Kong abwandern, teils werden sie sich in Europa verteilen, so dass der Gewinn für Frankfurt gering ausfallen könnte.