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Brasiliens Wahl am Wendepunkt

Am 6. Oktober 2002 findet in Brasilien der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahlen statt; mit einer Abstimmung, die als Referendum über Präsident Fernando H. Cordosos acht Jahre im Amt angesehen wird.

Die Spitzenkandidaten - der zum vierten Mal antretende Präsidentschaftskandidat Luiz Ignacio "Lula" da Silva der Arbeiterpartei, der in den Umfragen das ganze Jahr über vorne lag und der ehemalige Gouverneur und Finanzminister Ciro Gomes der sozialistischen Volkspartei PPS - behaupten, dass Cardosos Herrschaft Brasilien noch anfälliger als je zuvor für die Launen der internationalen Märkte gemacht hat. José Serra von der Sozialdemokratischen Partei Brasiliens, Cardosos Favorit, liegt jetzt, nach einem langen Kampf den Sommer über, an Platz zwei hinter Lula. Obwohl er mit dem Präsidenten auf einer Linie ist, vermeidet sogar er die Aussage, dass seine Präsidentschaft der zweite Akt von Cardosos vorheriger Amtsperiode sein würde.

Dieser Akt begann 1994 mit dem Versprechen wirtschaftlicher Stabilisierung und wurde mit Cardosos Wiederwahl 1998 verlängert. Während Cardosos Amtszeit privatisierte er Telekommunikationsgesellschaften, die nationale Bergbaugesellschaft und einen Teil des Elektrizitätssektors. Die Inflation ging zurück; Arbeitslosigkeit, Staatsschulden und die Gewalt in den Städten sind jedoch allesamt stark angestiegen. Die soziale Ungleichheit hat zugenommen und im letzten Jahr musste Brasilien Stromausfälle und die Rationierung von Elektrizität erdulden.

Von Beginn des Wahlkampfes an zeigte Lula sich stark, insbesondere nachdem die von rechts favorisierte Kandidatin Roseana Sarney daran scheiterte, dass die Bundespolizei und Staatsanwälte im Büro ihres Ehemanns einen Batzen Bargeld fanden. Herr und Frau Sarney wurden letztlich von allen Vorwürfen freigesprochen, allerdings zu spät, um ihre Kandidatur zu retten. Roseana Sarneys Partei, die Liberale Front, warf Serra vor, den Angriff inszeniert zu haben und hat ihre Unterstützung als Vergeltungsmaßnahme auf Ciro Gomes verlagert.