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Das Zeitalter Bobby Fischers

CAMBRIDGE, MASS.: Der brillante neue Hollywood-Spielfilm „Pawn Sacrifice“ (Bauernopfer) schildert das Leben des gepeinigten Schachgenies Robert James „Bobby“ Fischer von seiner Anfangszeit als Wunderkind des Schachs bis zu seinem historischen Wettkampf 1972 im Alter von 29 Jahren mit dem russischen Weltmeister Boris Spassky. Der Schauspieler Toby Maguire portraitiert Fischer mit bemerkenswerter Authentizität – tatsächlich für jene von uns, die Fischer in seiner Blütezeit erlebt hatten, in absoluter Perfektion.

Der Film zeigt einen Wettkampf, der zu einem Schlüsselereignis im Kalten Krieg zwischen Russland und den USA wurde. Er wirft zugleich die Frage auf, ob ein Genie wie Fischer – in sich zerrissen, aber auf dem Schachbrett extrem funktional – in unserer heutigen erbarmungslosen Online-Welt überhaupt existieren könnte.

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Fischer erhielt damals mit Sicherheit eine Menge Aufmerksamkeit, aber Informationen wurden zu seiner Zeit ganz anders gefiltert als heute. Damals waren Journalisten diejenigen, die die Themen setzten, statt sklavisch dem Fluss oberflächlicher Datenströme im Internet zu folgen. Die Story über einen unberechenbaren Jungen aus Brooklyn, der das sowjetische Weltreich in dessen Nationalsport herausforderte, war ein guter Stoff für die Journalisten, die sich der Bedeutung dieses Ereignisses bewusst war. Der Wettkampf sorgte zwei Monate lang täglich für Schlagzeilen in der Weltpresse, und die Kommentatoren analysierten jeden Tag bis zu fünf Stunden lang live die einzelnen Züge.

Es gab damals nur wenige Fernsehsender. Es gab keine DVD-Player oder Pay-per-View-Dienste. Trotzdem war das nicht der einzige Grund, dass die Leute wie gebannt vor dem Fernseher ausharrten, um sich den Wettkampf anzuschauen. Das surreale Umfeld, die fantastischen Einfälle auf dem Schachbrett und der Hintergrund des Kalten Krieges machten Fischer in jenem Sommer zu einer weltweiten Berühmtheit. (Ich bilde mir nicht ein, es seien die Schachanalysen gewesen, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, auch wenn ich beim entscheidenden 13. Spiel einer der Kommentatoren im öffentlich-rechtlichen US-Fernsehen war.)

Für den amerikanischen Meister war der Wettkampf die Erfüllung einer zwei Jahrzehnte langen Jagd auf den Titel, beginnend in seiner Zeit als Schachwunderkind. Nachdem er sein Leben in – für einen Superstar – relativer Armut verbracht hatte (obwohl er häufig die Titelseiten bedeutender Zeitschriften zierte), spielte Fischer nun endlich in einem Wettkampf mit einem Preisgeld von 250.000 Dollar. Natürlich war das wenig im Vergleich zu den 2,5 Millionen, die Ali und Frazier bei ihrem Boxkampf 1971 jeweils als Garantiesumme erhielten. Aber Fischer erkannte, dass die US-Kultur jede Beschäftigung marginalisiert, die nicht viel einbringt; daher betrachtete er den sechsstelligen Geldpreis als ultimatives Symbol für den Aufstieg in seinem Sport.

Für Russland ging es bei diesem Wettkampf nicht um Geld, sondern um Herzen und Köpfe. Die Schachwelt war seit langem der perfekte Kriegsschauplatz für den Beweis der Überlegenheit des kommunistischen Systems gewesen. Auch wenn die meisten Menschen im Westen heute so tun, als hätten wir immer gewusst, dass der Kommunismus russischen Stils scheitern würde – damals war das weniger offensichtlich. Die führende Einführung in die Wirtschaftswissenschaften aus jener Zeit, geschrieben vom Nobelpreisträger Paul Samuelson, prophezeite damals noch, dass Russland die USA möglicherweise als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen würde. Fairerweise muss man sagen, dass die Russen das Schach enorm schätzten, selbst wenn man damit nicht viel verdienen konnte. Schach war in vieler Hinsicht der russische Nationalsport. Kein Wunder also, dass Fischers donquichottisches Streben nach der Meisterschaft Amerikas politisches Superhirn Henry Kissinger veranlasste, Fischer anzurufen und ihn zu drängen, ja keinen Rückzieher zu machen, so wie er das angedroht hatte.

Ganz gleich, was sein Status in den USA sein mochte: In Russland war Fischer mit Sicherheit der beliebteste Amerikaner. Seine majestätische Spielweise überwand in einem Land, wo auch Normalbürger die dem Spiel innewohnende Schönheit würdigten und verstanden, die Propaganda. Im Vorfeld der Meisterschaft hatte Fischer zwei sehr gute Gegner mit dem nie dagewesenen Ergebnis von 6-0 vernichtend geschlagen – ein erstaunliches Resultat, bedenkt man, wie viele Spiele zwischen Großmeistern unentschieden ausgehen. Die russischen Fans waren so aus dem Häuschen über Fischers unerhörte Leistung, dass sie Berichten zufolge die Moskauer Telefonvermittlung blockierten, um Informationen zu erhalten. Nach einer Weile nahmen die Telefonisten nur noch den Hörer auf, sagten „6 zu 0“ und hängten wieder ein. Letzten Endes musste sich selbst Spassky Fischers Genie geschlagen geben und applaudierte nach dessen inspiriertem Sieg im sechsten Spiel gemeinsam mit dem Publikum, so wie es im Film dargestellt wird. Der Amerikaner war vielleicht das größte Schachgenie aller Zeiten, aber der Russe war ein Spitzenmann.

Regisseur Edward Zwick schreckt nicht davor zurück, die Dämonen zu zeigen, die Fischer plagten. Fischer sorgte sich zu Recht, dass die Russen es darauf anlegen würden, ihm den Weg zur Meisterschaft zu verbauen, doch seine rational begründeten Sorgen schlugen schließlich in Paranoia um, und er begann, sich gegen seine engsten Freunde und Vertrauten zu wenden. Obwohl selbst Jude, entwickelte er sich zum Antisemiten.

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Vermutlich hätten Fischers Paranoia und persönliche Schwächen ihn in der heutigen Online-Welt zu Fall gebracht, lange bevor er Weltmeister wurde. Als Fischer nach Gewinn der Meisterschaft einfach aufhörte, Wettkampfschach zu spielen, verschlimmerten sich seine psychischen Probleme drastisch. Man kann Fischers bösartige Pöbeleien und dunkle Gedanken in späteren Jahren (er starb 2008) nicht gutheißen, doch es ist eine traurige Erkenntnis, dass Fischers Karriere – trotz der überragenden Kreativität und Genialität, die, über sein Schach, so viele Menschen inspirierte – heute sehr viel eher geendet hätte. Wir leben inzwischen in einer anderen Welt. „Pawn Sacrifice“ beschwört eine Welt herauf, in der Fischers Leistungen möglich waren.

Aus dem Englischen von Jan Doolan