3

Das Problem mit der universalen Schulausbildung

KOPENHAGEN – Während die Frist für die Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen schnell näher rückt, beeilt sich die Welt, für die nächsten fünfzehn Jahre neue Ziele aufzustellen. Angesichts begrenzter Ressourcen müssen sich Politiker und internationale Organisationen fragen: Wo können wir am meisten Gutes bewirken? Soll ein größerer Anteil der 2,5 Billionen US-Dollar, die in dieser Zeit an Entwicklungshilfe und Eigenmittel der Entwicklungsländer zur Verfügung stehen, für Gesundheit, die Umwelt, Nahrungsmittel oder lieber Schulausbildung eingesetzt werden?

Mit diesen Fragen im Hinterkopf bat der Copenhagen Consensus (unter meiner Leitung) einige der weltweit führenden Ökonomen, das wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Kosten-Nutzen-Verhältnis vieler unterschiedlicher Ziele einzuschätzen. Unter den zu bewertenden Zielen befand sich auch das Ziel der Schulausbildung für alle.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Die Wichtigkeit von schulischer Ausbildung ist unumstritten. Das Problem ist, dass die Glaubwürdigkeit der internationalen Gemeinschaft bezüglich ihrer Versprechen, universale Ausbildung zu gewährleisten, stark gelitten hat: Seit 1950 hat sie in mindestens zwölf durch die UN geförderten Erklärungen versprochen, dieses Ziel zu erreichen. So versprach 1961 die UNESCO, dass bis 1980 die Grundschulausbildung in Afrika „universal, verpflichtend und kostenlos“ sein würde. Als diese Zeit dann kam, besuchten etwa die Hälfte aller afrikanischen Kinder im Grundschulalter immer noch keine Schule.

Wenn die Frist für die Erfüllung der Ziele erreicht wird, werden diese einfach mit einer neuen Frist neu formuliert, und dem Problem wird mehr Geld hinterher geworfen, ohne wirklich zu überlegen, wie genau es ausgegeben werden sollte. Und tatsächlich könnten die Kosten für eine wirklich universale Grund- und Mittelschulausbildung letztlich höher sein als das gesamte weltweite Hilfsbudget für Schulausbildung.

Angesichts von 60 Millionen Kindern, die immer noch keine Schule besuchen, darf die internationale Gemeinschaft nicht einfach das gleiche Ziel umfassender Ausbildung bis 2030 verschieben. Statt dessen ist es Zeit, dieses unrealistische Ziel durch einen erreichbaren, gezielten und kosteneffektiven Ansatz zu ersetzen.

Wie der Ökonom George Psacharopoulos in einer aktuellen Veröffentlichung empfiehlt, sollte in erster Linie das gefördert werden, was am besten funktioniert: Früherziehung, insbesondere im Vorschulalter. Der offensichtlichste Grund dafür, warum Ausbildung in früher Kindheit einen besseren Ausgangspunkt fürs Leben bietet, liegt darin, dass Menschen in jungen Jahren für Wissen am empfänglichsten sind. Darüber hinaus gibt es im Vorschulalter geringere kulturelle Barrieren für Mädchen und weniger Druck auf Kinder, Arbeit zu leisten. Und schließlich ist Vorschulerziehung preiswerter als höhere Schulausbildung.

Die längerfristigen Effekte frühen Lernens sind weniger offensichtlich, reichen aber dafür tiefer: Schüler, die die Vorschule besucht haben, bringen zwar in der Grundschule keine besseren Leistungen als ihre Mitschüler, neigen aber dazu, als Erwachsene mehr zu verdienen. Dies lässt vermuten, dass Kinder in der Vorschule eine qualitative Förderung ihrer sozialen Fähigkeiten oder emotionalen Entwicklung erfahren, die ihnen später im Leben Vorteile bei der Nutzung wirtschaftlicher Möglichkeiten verschafft.

Natürlich ist die genaue Investitionsrendite einer erweiterten Vorschulausbildung schwer zu berechnen. Aber um Entwicklungsziele – im Bereich der Ausbildung und anderswo – zu priorisieren, müssen Schätzungen durchgeführt werden.

Zuerst ist es dazu erforderlich, die Ausbildungskosten zu berechnen, zu denen Training und Bezahlung der Lehrer, Bau und Unterhalt von Schulen und sogar die Opportunitätskosten von Kinderarbeit gehören. Dann ist da der anspruchsvollere Prozess, den Nutzen zu bewerten, der, obwohl schwer quantifizierbar, so überzeugend ist, dass sich viele Ökonomen für Früherziehung einsetzen.

Auf Grundlage des größten verfügbaren Datenvolumens fand Psacharopoulos heraus, dass das effektivste Ziel darin besteht, die Anzahl der Kinder, die im Afrika südlich der Sahara keine Vorschule besuchen, zu halbieren, was zu einen sozialen und wirtschaftlichen Nutzen von 33 Dollar pro ausgegebenem Dollar führen würde. Dieses Ziel, das sich auf eine einzige, problembeladene Region bezieht, scheint bescheiden zu sein, aber es ist auch realistisch und erreichbar – und die mögliche Rendite ist enorm.

Wenn Ziele ehrgeiziger werden, verlieren sie ihre Wirkung. So würde die Gewährleistung einer universalen Grundschulausbildung im Afrika südlich der Sahara pro eingesetztem Dollar sieben Dollar sozialen und wirtschaftlichen Nutzen bringen – ein geringerer Wert, aber immer noch beachtlich. Und Bemühungen, eine solche allgemeine Grundschulausbildung weltweit zu etablieren, wären viel teurer, da jeder Dollar dabei nur vier Dollar Nutzen bringen würde.

Die selbe Art von Vergleich muss für andere wichtige Ziele durchgeführt werden, darunter auch für die Verbesserung der Ausbildungsqualität – ein überraschend schwer zu erreichendes Ziel, wie viele Industriestaaten durch ihr schlechtes Abschneiden bei den internationalen Vergleichen der OECD erfahren mussten. Während beispielsweise Geld für die Verkleinerung von Klassen kaum Wirkung zeigt, könnten Investitionen in institutionelle Veränderungen – wie die Einführung von Auswertungs- und Testsystemen, zentralen Prüfungen oder Anreizen für Lehrer – Vorteile von drei bis fünf Dollar pro eingesetztem Dollar bringen.

Für die Berufsausbildung sind noch keine Ergebnisse vorhanden. Aber sie scheint weniger profitabel zu sein als die allgemeine weiterführende Schulausbildung, ist also wohl eine schlechtere Investitionsmöglichkeit.

Bemühungen, eine Universitätsausbildung für alle erschwinglich zu machen, sind noch problematischer. Da Kinder aus wohlhabenderen Familien mit größerer Wahrscheinlichkeit eine höhere Ausbildung anstreben, wäre der Einsatz begrenzter öffentlicher Ressourcen wie Steuereinnahmen zur Verringerung der Kosten dieser Ausbildung gleichbedeutend mit Subventionen für die Reichen auf Kosten der Armen. Besser wäre es, Schulgeld für die Reichen und Stipendien für die Armen einzuführen.

Den Einfluss knapper Ressourcen auf das Leben der weltweit ärmsten Menschen zu maximieren, erfordert schwere Entscheidungen. In einer idealen Welt sollte eine universale und qualitativ hochwertige Ausbildung auf allen Ebenen angestrebt werden. Aber angesichts der konkurrierenden Nachfrage nach Lebensnotwendigkeiten wie Gesundheitspflege oder Trinkwasser brauchen wir engere und kosteneffektivere Ausbildungsziele.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Statt zu versuchen, zu hohen Preisen die Bedingungen für Milliarden Menschen leicht zu verbessern, und statt seit 1950 immer wieder die gleichen Versprechen abzugeben, muss die internationale Gemeinschaft zuerst die Veränderung der Lebensgrundlagen von Millionen Kindern südlich der Sahara in Angriff nehmen. Wird dieser Ansatz auf alle Ziele der nächsten Entwicklungsagenda angewandt, wird die Welt im Jahr 2030 ein viel besserer Ort sein.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff