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Die Umwelt der Armut

KOPENHAGEN – Trotz wachsender Lebenserwartung, besserem Zugang zu Ausbildung und geringerer Armuts- und Hungerraten hat die Welt bei der Verbesserung der Lebensqualität ihrer Bewohner noch einen langen Weg vor sich. Fast eine Milliarde Menschen gehen hungrig zu Bett, 1,2 Milliarden leben in extremer Armut, 2,6 Milliarden haben nur mangelhaften Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen, und fast drei Milliarden verbrennen innerhalb ihres Hauses schädliche Materialien, um warm zu bleiben.

Jedes Jahr sterben zehn Millionen Menschen an Infektionskrankheiten wie Malaria, HIV, Tuberkulose, Lungenentzündung oder Durchfall. Wasser- und Hygienemangel verursachen schätzungsweise mindestens 300.000 Todesfälle jährlich.. Mindestens 1,4 Millionen Kinder fallen Unterernährung zum Opfer.

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Armut ist eine der Haupttodesursachen. Sie ist der Grund, warum Kinder keine angemessene Ernährung bekommen und in Stadtteilen mit unsauberem Wasser und mangelnden sanitären Einrichtungen leben. Und sie ist der Grund, warum eine völlig vermeidbare Krankheit wie Malaria jährlich 600.000 Menschen tötet.. Viele sind zu arm, um Medikamente und Moskitonetze kaufen zu können, und die Regierungen sind oft zu arm, um die die Krankheit übertragenden Moskitos auszurotten und Ausbrüche einzudämmen oder zu behandeln.

Aber einige der tödlichsten Probleme sind Umweltschäden. Laut der Weltgesundheitsorganisation werden jährlich etwa sieben Millionen Todesfälle durch Luftverschmutzung verursacht, die Mehrheit davon durch das Verbrennen von Ästen und Dung in Innenräumen. Die Verwendung von Blei in Farben und Benzin der letzten Generation führt zu schätzungsweise 700.000 Todesfällen im Jahr. Bodennahe Ozonverschmutzung tötet jährlich über 150.000 Menschen, und weitere 141.000 Tote gehen auf das Konto der globalen Erwärmung. Natürlich vorkommendes radioaktives Radon, dass sich innerhalb von Häusern sammelt, verursacht jährlich den Tod von etwa 100.000 Menschen.

Auch hier spielt die Armut eine überproportionale Rolle. Aus Spaß zündet niemand bei sich zu Hause ein Feuer an, sondern deshalb, weil keine Elektrizität da ist, um warm zu bleiben und kochen zu können. Da die Verschmutzung der Außenluft teilweise durch beginnende Industrialisierung verursacht wird, stellt sie für die Armen zeitweise ein notwendiges Übel dar – als Preis für die Befreiung von Hunger, Infektionskrankheiten und Raumluftverschmutzung, um sich Lebensmittel, Gesundheitsfürsorge und Ausbildung besser leisten zu können. Wenn Länder ausreichenden Wohlstand erlangen, können sie sich sauberere Technologien leisten und damit beginnen, Umweltgesetze für sauberere Außenluft zu erlassen, wie wir es jetzt in Mexiko-Stadt und in Santiago, Chile, sehen.

Eine der besten Maßnahmen gegen Armut ist der Handel. China hat durch eine Strategie schneller Integration in die Weltwirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten 680 Millionen Menschen aus der Armut befreit. Die Ausweitung des Freihandels in der gesamten Dritten Welt, insbesondere im Agrarbereich, ist wahrscheinlich die mit Abstand wichtigste Maßnahme gegen die Armut, die Politiker in diesem Jahrzehnt einführen konnten.

Ermutigend ist aber auch, dass die Welt mehr Geld für die Hilfe der Armen ausgibt – in den letzten 15 Jahren hat sich die Entwicklungshilfe real fast verdoppelt. Menschen, die an Malaria, HIV, Unterernährung oder Durchfall leiden, kamen diese Ressourcen zugute.

Und obwohl die Daten etwas unzusammenhängend sind, ist es klar, dass die Welt mehr für ihre Umwelt ausgibt. Die Hilfe für Umweltprojekte hat sich von etwa 5% der gesamten bilateralen Hilfe auf fast 30% heute vervielfacht, bei einer momentanen jährlichen Summe von etwa 25 Milliarden Dollar.

Dies hört sich gut an. Die Welt kann sich zunehmend auf die Hauptumweltprobleme konzentrieren – Innen- und Außenluftverschmutzung sowie Verschmutzung durch Blei und Ozon – die für fast alle durch Umwelteinflüsse verursachten Todesfälle verantwortlich sind.

Leider geschieht dies aber nicht. Fast die gesamte Umwelthilfe – der OECD zufolge etwa 21,5 Milliarden USD – wird für die Bekämpfung des Klimawandels ausgegeben.

Zweifellos ist die weltweite Erwärmung ein Problem, das wir intelligent angehen müssen (obwohl unsere Bilanz dabei bis jetzt nicht ermutigend ist). Aber dazu ist insbesondere in den Industriestaaten billige grüne Energie erforderlich, und nicht Entwicklungshilfe zur Reduzierung der Treibhausgase wie CO₂ in den Entwicklungsländern.

In der Tat hat die Art, wie wir unsere Prioritäten setzen, etwas grundlegend Unmoralisches. Die OECD schätzt, dass die Welt mindestens elf Milliarden Dollar Entwicklungshilfe dafür ausgibt, Treibhausgase zu reduzieren. Ein großer Teil davon fließt in erneuerbare Energien wie Wind, Wasserkraft und Solarstrom. Japan beispielsweise verwendete 300 Millionen Dollar seiner Entwicklungshilfe dafür, in Indien Solar- und Windenergie zu subventionieren.

Würden die gesamten elf Milliarden im gleichen Verhältnis für Solar- und Windkraft ausgegeben wie die aktuellen weltweiten Ausgaben, würden die weltweiten CO₂-Emissionen um 50 Millionen Tonnen jährlich zurückgehen. Laut eines Standardklimamodells würde dies die Temperaturen nur so minimal reduzieren – um 0,00002oC bis zum Jahr 2100 – dass es einer Verschiebung der globalen Erwärmung am Ende des Jahrhunderts um etwas mehr als sieben Stunden entspräche.

Natürlich würden Klimaaktivisten betonen, dass die Solarzellen und Windturbinen – zumindest zeitweise – 22 Millionen Menschen mit Elektrizität versorgen. Aber wenn das gleiche Geld zur Verstromung von Gas verwendet würde, könnte dies fast 100 Millionen Menschen aus Dunkelheit und Armut befreien.

Darüber hinaus könnten diese elf Milliarden Dollar für noch dringendere Probleme verwendet werden. Berechnungen des Copenhagen Consensus zeigen, dass sie jedes Jahr fast drei Millionen Leben retten könnten, wenn sie gegen Malaria und Tuberkulose oder für die Verstärkung der Immunisierung von Kleinkindern eingesetzt würden.

Das Geld könnte auch für die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität verwendet werden, was langfristig 200 Millionen Menschen vor dem Verhungern retten könnte, und Naturkatastrophen könnten durch Frühwarnsysteme abgemildert werden. Und es wäre noch Geld übrig, um zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen HIV beizutragen, Medikamente gegen Herzinfarkte herzustellen, den Entwicklungsländern Impfstoffe gegen Hepatitis B zur Verfügung zu stellen, und 31 Millionen Kinder jährlich vor dem Verhungern zu retten.

Ist es wirklich besser, die globale Erwärmung um sieben Stunden zu verzögern? Selbst wenn wir hundert Jahre lang elf Milliarden Dollar gegen die Zunahme von Treibhausgasen ausgeben würden, könnten wir damit die globale Erwärmung zum Ende des Jahrhunderts lediglich um weniger als einen Monat verzögern – was für niemanden auf diesem Planeten praktische Auswirkungen hätte.

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Warum besteht weltweit ein Konsens für derart ineffektive Hilfe? Könnte es sein, dass es bei der Umwelthilfe nicht in erster Linie um das Wohl der Welt geht, sondern eher darum, dass wir uns besser fühlen?

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff